Filmkritik: Dogtooth

Dogtooth Filmkritik

In dem griechischen Drama Dogtooth lassen wohlhabende Eltern ihre mittlerweile erwachsenen Kinder völlig isoliert von der Außenwelt aufwachsen – keine Medien, keine Schule, kein Verlassen des Grundstücks. Wenn die Mutter hinter verschlossener Tür mit ihrem Mann telefoniert, halten die Kinder das für Selbstgespräche – ein Telefon existiert in ihrer Welt nicht. Schon aus diesen Sätzen wird klar: der Film handelt von Realität und davon, was sie ausmacht, wie sie entsteht.

Die Motivation der Eltern bleibt diffus, aber letztlich sind sie Eltern: sie wollen ihre Kinder vor etwas bewahren, vor dem Unheil jenseits des meterhohen, blickdichten Gartenzauns. Des Nachts beratschlagen sie sich über das, was am Morgen zur Realität ihrer Kinder werden soll: die Mutter ist schwanger, Drillinge und einen Hund wird sie austragen, nein, doch lieber Zwillinge.

Man denkt an das Höhlengleichnis Platons, die Kinder sehen von der ‚echten‘ Welt nur die Schatten – Flugzeuge am Himmel sind in ihrem Kosmos Spielzeugflieger, die gelegentlich abstürzen und dann tatsächlich (dank der Mutter) im Garten als solche zu finden sind. Würde jemand etwas anderes behaupten, die Kinder würden ihm nicht glauben. Zur Konstruktion von Realität gehört auch die Sprache. Täglich werden den Kindern Wörter beigebracht. Aber „Autobahn“ bedeutet hier keineswegs Autobahn, sondern „sehr heftiger Wind“. Dadurch wird die Welt der Kinder rein gehalten, denn was wir unter dem Begriff Autobahn verstehen, hat in ihrer Welt seinen sprachlichen Platz verloren – und damit seine Realität. Die Kinder selbst wiederum tragen keine Namen. Das Benennen soll etwas Heiliges bleiben, etwas Unhintergehbares, die Beziehung zwischen Begriff und Gegenstand eine entdeckte Wahrheit mit großem W. Die Namen, die Eltern ihren Kindern geben, entlarven das Benennen aber als das was es ist: Konvention.

Die Isolation ist nicht vollkommen

Trotz aller Anstrengung erhält die heile Welt Risse, ist die Isolation nicht perfekt. Die Tochter bekommt zwei Videokassetten zwischen die Finger, schaut nachts heimlich die Filme und ist fortan für das Paradies verloren. Ihre erste Reaktion besteht darin, sich einen Namen zu geben. „Bruce“ will sie von nun an heißen, auch wenn sie das Konzept der Namensgebung nicht begreifen kann, sondern nur die in den Filmen beobachtete Kausalität imitiert: Jemand ruft „Bruce“, also dreht sie sich zu ihm um. Dennoch: mit der Namensgebung, der Selbstdefinition, betritt das Individuum die Bühne.

Bruce‘ Umgang mit dem filmischen Erweckungserlebnis bleibt generell auf Mimesis beschränkt. Unfähig, die neu gehörten Wörter in ihrer einzelnen begrifflichen Bedeutung zu entschlüsseln, kann sie nur die emotionale Bedeutung der Szenen verstehen und reagiert fortan mit dem Rezitieren ganzer Sätze auf entsprechende Situationen, mitunter verstörend präzise. Bruce ahmt nach wie vor nur nach, was sie gesehen, vorgelebt bekommen hat. Die Außenwelt, die mittels der Filme in ihr Leben herein gebrochen ist, bringt sie nicht näher an die Realität, nur näher an eine andere, ebenso konstruierte.

Der Dogtooth beginnt zu wackeln

Einmal erkannt, dass ein Jenseits des Gartenzauns existiert, rückt die Frage nach der Grenze von Realität in den Mittelpunkt des Films. Dem Mythos der Familie zufolge muss erst der namensgebende ‚Dogtooth‘ ausfallen, bevor man das Grundstück verlassen kann. Natürlich wird er das nie, es ist der Schneidezahn eines Erwachsenen. Aber dank der Filme kennt Bruce nun einen Ausweg: Zähne können auch ausfallen, wenn sie einen Schlag abbekommen.

Hat man selbst einen Dogtooth? Einen Gartenzaun? Und wann ist das letzte Mal etwas passiert, dass sich nicht mehr in die eigene Realität integrieren ließ? An diesem Punkt beginnen viele Filme ihre Geschichten. „Dogtooth“ ist ein großartiger Film über diesen Punkt.

Bildquelle: http://www.festival-cannes.com/en/films/kynodontas – offizielles Pressekit.