Filmkritik: Dunkirk

Dunkirk Filmkritik

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Dunkirk ist kein Kriegsfilm. Wenn er es wäre, so hätte man zu beklagen, dass er zu faszinierend ist. Dass ihm das „Anti“-Präfix abhanden gekommen ist. Das Dröhnen der vom Himmel stürzenden Flieger, das Knarren des Flugzeugblechs, wenn Tom Hardy an seinem Steuerknüppel reißt, der Geschmack des Wassers, das die Soldaten von der Heimat trennt – Dunkirk ist sinnlich erfahrbar und genau das wird ihm einen Oscarregen verschaffen. Bester Ton, Bester Tonschnitt, Bester Schnitt, Beste Kamera. Bester Film allerdings eher nicht.

Nolan wirft den Zuschauer von null auf hundert in das an sich simple Szenario: Soldaten müssen fliehen, der übermächtige Feind naht und noch ist kein Ausweg in Sicht. Viel mehr fügt der Regisseur im weiteren Verlauf nicht hinzu. Allgegenwärtig ist das Schweigen. Ein französischer Soldat in britischer Uniform ist gar dazu verdammt, wie auch der Zuschauer schweigt und hinnimmt, also erfährt, was auf der Leinwand geschieht. Das Schweigen jedoch verweist auf die dröhnende Bedrohung und damit ist die Handlung schon erzählt. Auf Motive, Charakterisierung im klassischen Sinne, verzichtet Nolan fast vollständig. Seine Soldaten sind anonyme Jedermänner, leere Hüllen, in die der Zuschauer umso leichter schlüpfen kann – der Gelegenheit zur moralischen Identifikation mit den Protagonisten beraubt, bleibt ihm dabei allerdings nur die sinnliche Identifikation.

Die rudimentären Beziehungen unter den Soldaten ergeben sich aus gegenseitiger Hilfe. Man teilt Wasser, Überleben also, das verbindet, weiter nichts. Selbst der „Feind“ ist marginalisiert. Selbstverständlich bringt der Zuschauer das nötige historische Wissen mit, die Nationalsozialisten überrennen Frankreich, aber eigentlich ist dieses Wissen für Dunkirk ganz und gar unnötig und Nolan schert sich auch nicht um historische Korrektheit. So wenig wie es ein Kriegsfilm ist, so wenig ist es ein Film über den Zweiten Weltkrieg. Der Feind tritt hinter seine Erscheinung zurück, ist nie als Exemplar auf der Leinwand zu sehen. Die Kugeln und Torpedos töten anonym. Einzig die Flugzeuge zeugen physisch von der Anwesenheit eines Feindes, ohne jedoch je einen Piloten zu zeigen. Der Krieg, die Bedrohung, ist ganz Maschinerie, übernatürlich. Dunkirk ist ein Film über Krieg an sich.

Dunkirk verzichtet auf einen klassischen Antagonisten

Man fühlt sich an Iñárritus „The Revenant“ erinnert. Auch dort ist der Antagonist kein besiegbares Individuum, sondern ein übermächtiges Schicksal, dem man nur versuchen kann zu entkommen: die Natur selbst (nicht umsonst verliert „The Revenant“ auf der Zielgerade an Qualität, weil doch noch ein menschlicher Antagonist die Bühne betritt und die Vision des Films in der Konsequenz preisgibt).  Auf explizite Gewaltdarstellung verzichtet Nolan im Gegensatz zu Iñárritu allerdings völlig. Blut wird immer von jemandem vergossen, aber in Dunkirk stirbt man nicht, es wird gestorben. All diese Entscheidungen münden letztlich, lange bevor der dreigliedrige Handlungsfluss irgendwohin mündet, im großen Ziel Nolans: den Überlebenskampf für den Zuschauer sinnlich erfahrbar zu machen. Dabei übertrumpft Nolan Iñárritus kaum weniger intensiv geratenen „The Revenant“ gerade wegen der totalen Reduzierung und der damit einhergehenden Anonymisierung der Handlung . Der Zuschauer sieht gerade nicht DiCaprio beim Überleben zu, sondern sieht dem Überleben zu – und überlebt.

Damit hat Nolan etwas Einzigartiges geschaffen. Ob es jedem gefallen wird, ob sich jeder Zuschauer von seinen filmischen Sehgewohnheiten verabschieden und sich auf seine natürlichen Sehgewohnheiten einlassen kann, darf bezweifelt werden. Dunkirk wird nicht für jeden funktionieren und nicht von jedem als das verstanden werden, was er sein soll. Was die Größe eines Regisseurs angeht, kann sie sich nicht objektiver offenbaren.

Bildquelle: Warner Bros.[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]