Vom Ende der Geschichte

Ende der Geschichte

Der Westen steht am Scheideweg. 2017 droht der Siegeszug der reaktionären Kräfte. Der Begriff des „alten Europas“ könnte dabei eine schmerzhafte Neu-Definition erfahren. Die Liberalen haben ihren Teil dazu beigetragen. Denn in ihrem Siegestaumel waren sie lange Zeit unfähig, eine Unterscheidung zwischen Wirtschafts- und Wertesystem zu treffen. Das Ende der Geschichte ist so fern wie eh und je.

Manche dachten wirklich, die Demokratie hätte endgültig gesiegt und das Ende der Geschichte sei gekommen. Der Schmelzpunkt, an dem sich alles vereint und in die vorherbestimmte Grube fällt, in der es keinen Konflikt mehr gibt. Aber hinter dem Eisernen Vorhang wartete nicht der Konsens, in der Aufhebung von Ost und West lag nicht die goldene Mitte. 20 Jahre lang konnten wir uns damit trösten, dass sich das Ende der Geschichte verzögert, weil nach dem feindlichen System ja erst noch die feindliche Kultur besiegt werden musste. Aber heute blicken wir auf ein Europa, auf die Vereinigten Staaten von Amerika, die jenseits dieses Kulturkampfes innerhalb ihres eigenen Territoriums an den Fronten stehen. Nicht weil die fremde Kultur ihre Drohung wahrgemacht und unser Land infiltriert hat. Sondern weil Demokratie und Freiheit keine Hochhäuser sind, die man Stockwerk für Stockwerk errichtet und denen jenseits einer gewissen Höhe nichts mehr zustoßen kann. Die demokratischen liberalen Werte sind in sich selbst fragil, sie können keinen Endsieg erringen, wie es überhaupt kein Wertekanon kann.

Der Graben zwischen Kapitalismus und Liberalismus

Wer vom Ende der Geschichte sprach, verwechselte Demokratie, Liberalismus und Menschenrechte mit dem erfolgreichen Wirtschaftssystem, auf dessen Rücken diese ihren vorläufigen Siegeszug antraten. Der Kapitalismus hatte gesiegt, weil die einzige Alternative zu ihm in Trümmern lag und an ihrer eigenen Utopie gescheitert war. Das Jenseits, mithilfe dessen das grausame kommunistische Diesseits gerechtfertigt werden sollte, war nicht gekommen. Der Kapitalismus hingegen schien zumindest zeitweise in trauter Komplizenschaft mit jenen westlichen Werten, die ja nur deshalb so westlich waren, weil man sie im Westen als bereits erfüllt ansah. Aber er ist nicht mit ihnen identisch. Natürlich können wir nicht zurück in ein kommunistisches System, natürlich gibt es keine Alternative zu einem grundsätzlich „freien“ Warenverkehr. Aber das hat mit Geschichte nicht sehr viel zu tun, weil es eine ökonomische Frage ist.

Das Ende der Geschichte in seinem eigentlichen Verständnis jedoch wird niemals eintreten. Darin liegt eine Tragik, aber je nach Zeitalter auch eine Hoffnung. Heute liegt darin für uns vor allem eine Erkenntnis: Wir müssen unsere Institutionen hinterfragen, weil sie offenbar das reaktionäre demokratiefeindliche Denken ermöglichen. Oder fördern. Wir können offensichtlich nicht so weitermachen, weil die anti-liberalen Tendenzen ein Symptom sind. Und noch keine Ursache.

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