Filmkritik: Feinde – Hostiles

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Der Neo-Western „Hostiles“ verhandelt die Frage nach der Halbwertszeit von Moral – subtil, klug, doch am Ende verliert sich der Film im Schema F.

Spoiler-Hinweis: Anders als die meisten unserer Filmkritiken kommt diese nicht ohne schwerwiegende Spoiler aus, da für eine fundierte Kritik von „Hostiles“ das Ende und die Entwicklung des Protagonisten dargestellt werden müssen.

„Hostiles“ ist ein langsamer Film. Langsam schleichen sich die Zweifel ins ausgemergelte Gesicht von Captain Joseph Blocker, denen ein endlich wieder grandioser Christian Bale allmählich Ausdruck verleiht. Am Ende seiner über 20 Jahre währenden Dienstzeit in der Armee ist der Captain ein hadernder Mann. Mit Unmut registriert er den gesellschaftlichen Wandel im Amerika am Ende des 19. Jahrhunderts. Indianer sind nun keine Wilden mehr. Die Idee der Menschenrechte ist die schiefe Ebene hinabgeschlittert und soll jetzt auch für Cheyenne, Comanchen und Apachen gelten.

Captain Blocker aber hat sein Leben damit zugebracht, die Indianer zu bekämpfen, sie zu behandeln wie die Tiere, die er in ihnen sah. Das hat ihm Anerkennung eingebracht, Auszeichnungen und Pensionsansprüche. Aber was ist sein Lebenswerk jetzt noch wert, fragen die Nahaufnahmen. Und gibt es eine Moral jenseits der Moral unserer Zeit, aus der Schuld erwächst, unabhängig von den zeitlich begrenzten Umständen unserer Taten? Bei Schnaps und Kerzenschein erinnert den Captain ein Kamerad an die guten alten Zeiten. „Weißt du noch, wie du den Indianer von Kopf bis Fuß aufgeschlitzt hast?“ Sie lachen, sehnsüchtig, und hängen einer Welt nach, in der sie und ihre Talente einen Platz hatten.

Kein Land für alte Männer

Für Captain Blocker ist der letzte Auftrag eingetroffen. Er soll einen sterbenskranken Indianer-Häuptling aus der Gefangenschaft zurück in dessen geheiligtes Land in Montana geleiten. Freiheit für Bestien, so klingt das in den Ohren des Captain. Blocker hat einen ganzen Sack voll Gründe Häuptling Yellow Hawk und seine Brut zu hassen und zählt die Namen seiner von ihm ermordeten Freunde auf. Doch Befehl ist Befehl und so beginnt für den Captain ein Trip durch die eigene Vergangenheit, mit der Last der Gegenwart auf den Schultern.

Der Film könnte es sich einfach machen und die Geschichte vom guten Indianer erzählen, den Joseph jetzt endlich kennenlernt. Vorerst widersteht er dieser Versuchung.  Der Treck gabelt eine traumatisierte Frau auf, deren Familie von Indianern niedergemetzelt wurde, Mann, Kind, Hof und Baby. Die explizite Darstellung ihres Leidens wirkt wie eine Bastion gegen den herkömmlichen Hollywood-Pathos von klar definiertem Gut und Böse – alle Beteiligten scheinen in Schuld verstrickt. Beim Anblick der „Rothäute“ entfährt ihr ein stummer Schrei – das Feindbild ist real, der Hass hat seine Berechtigung, so die ersten unfassbar intensiven 30 Filmminuten.

Klug erzähltes Kino – fast

Regisseur Scott Cooper verzichtet so zwangsläufig auf den moralischen Zeigefinger. Kein Korrektiv schreitet ein, die klassische moralisch integre Identifikationsfigur fehlt. Wir sehen bloß dabei zu wie die Schuld ganz von selbst in die Gesichter der Protagonisten kriecht, langsam, aber unaufhörlich. Nur dank dieser Zurückhaltung funktioniert der Film, kann er sein Thema überhaupt annähernd erschöpfend behandeln.

Als der Trupp schließlich in einer Stadt Halt macht und dort einen weiteren Gefangenen aufnimmt – diesmal einen weißen Soldaten – spitzt sich der innere Konflikt des Captains zu. Ihm gegenüber sitzt ein Mann, der zum Tode verurteilt ist, weil er Indianer abgeschlachtet hat. Der einzige Unterschied zwischen ihm und dem Captain selbst besteht darin, dass Blocker das vor 5, 10, 20 Jahren getan hat, als es moralisch opportun war. Folgerichtig lässt Joseph den Gefangenen am Baum anketten und verbannt seine eigene Vergangenheit in das Dunkel der Nacht.

Hostiles bringt also genügend Material mit, um ein großer Film zu sein. Doch unter den provokanten Fragen und Problemstellungen wabert dann doch der Hollywood-Plot voran. Samt Szenen,  in denen sich die weiße Witwe von der indianischen Lady die Haare flechten lässt oder in denen Indianer und weißer Mann Seite an Seite ums Überleben kämpfen. Alter Häuptling und alter Captain nähern sich an. Die Tatsache, dass Hass zu Anerkennung diffundiert, der Erkenntnis weicht, dass man mit dem Feind mehr gemein hat, als mit denen, die man beschützt, ist an sich noch kein Kitsch. Doch Cooper verpasst es, diese Wandlung plausibel zu machen. Seine Handlungsfäden, die Witwe, der zum Tode verurteilte Indianermörder, liefern wunderbare Widerstände für die Wandlung Blockers – aber Cooper setzt ihnen nichts entgegen.

Aus Feinden werden Freunde wie von Zauberhand

Den Abgrund der Geschichte umschifft der Film dadurch, opfert ihn einem vorhersehbaren Happy End. Am Boden des Plots lauert die Frage wie und ob es möglich ist, dass ein Mensch eine Moral aufgibt, die sein Leben rechtfertigt. Cooper scheint sich früh auf ein „Ja, natürlich!“ festgelegt zu haben, ohne dies jedoch weiter motivieren zu können. Die Kriegsmüdigkeit des Captain, die Gespräche bei Feuerwasser und Nachtwache – sie verweisen auf eine Verbitterung, die dem Erkenntnisvorsprung entwächst, zu wissen, wie der Krieg ist. Im fernen Washington können sie lange vom Frieden reden, von Menschenrechten. Hier draußen, da richten Menschen einander zugrunde und mit sich die Menschlichkeit. Wozu also Gnade und für wen?

Doch Blocker hört niemand mehr zu, beispielhaft am Colonel dargestellt, der keine Einwände gegen den Auftrag gelten lässt. Was also veranlasst Blocker dazu, seine Meinung aufzugeben? Auf diese Fragen liefert der Film keine Antworten. Alles was er ihnen entgegen zu bringen scheint, ist der Pathos des Gleichheitsideals, die uralte Überzeugungskraft der Empathie. Blocker sieht irgendetwas ein, erkennt im Häuptling aus irgendeinem Grund ein Individuum, das ihm nicht nur unendliches Leid zugefügt hat, sondern auch Vergebung verdient. Damit ist Hostiles dann im gewohnten Hollywood-Fahrwasser angekommen und verliert all seine Wucht.

Am Ende siegt der Kitsch

Weshalb die Schlusszene des Films, eine quälend langgezogene Abschiedsszene am Bahnsteig zwischen Captain und leidlich ins Herz geschlossener Witwe, nicht dem Schnitt zum Opfer gefallen ist, bleibt schließlich Coopers Geheimnis. Natürlich lässt Blocker den Zug zunächst fahren, nur um dann im letzten Moment doch noch aufzuspringen. Hier zeigt sich exemplarisch die Schamlosigkeit des Regisseurs, der bessinungslose Hang zum Kitsch, dem seine eigentlich bedeutungsschwangere Geschichte zum Opfer fällt. Doch es passt ja ins Bild: Selbst der Regisseur ist in Schuld verstrickt.