Filmkritik: „Mandy“

Kritik Mandy

XYZ Films

Filmkritik: Mit „Mandy“ hat Panos Cosmatos einen hypnotischen Cocktail angerührt. Der Geruch von Motoröl liegt in der Luft, Eisengeschmack von Blut und rostigen Nägeln, wabernder Nebel unter zuckendem Stroboskop-Licht. In fades Rot getunkte grobkörnige Bilder ziehen den Zuschauer unaufhörlich in betörendem Adagio immer tiefer in ihren Bann.

Spoilerwarnung: Massive Spoiler im weiteren Verlauf.

Der Höllentrip von dem „Mandy“ erzählt, vollzieht sich nicht im Vorbeigehen und so hält der Film bisweilen stoisch und gnadenlos an seinen Bilder fest. Die Eskalationsspirale der Gewalt schraubt sich hinauf bis zum Scheitelpunkt der Pyramide ohne dabei je in Hektik zu verfallen. Die verhandelten Emotionen und Gelüste sind zu elementar, zu schwergewichtig, um sich einem Vernichtungsrausch auf Speed hinzugeben. Hier regiert das Acid und mit ihm die Schwerkraft. Das Metall. Die Planeten.

Im Einsiedler-Idyll verbringen Red (Nicolas Cage) und Mandy (Andrea Riseborough) ein simples, in sich ruhendes Leben. Dann ertönt das Horn Abraxas und die Idylle ist für immer dahin. Red macht sich auf zu einem Rachefeldzug gegen seine Peiniger, gegen Mandys Peiniger. So ganz wird nie klar, wer hier der eigentliche Protagonist ist – der die Hellebarde schwingende Derwisch Red oder doch Mandy als dessen damönischer Schatten.

 

„What’s your favorite planet?
Jupiter.
How come?
Mm… well, because the surface of its atmosphere is a storm that’s been raging for like, 1,000 years, and the eye of the hurricane is so huge that it could just swallow the whole Earth.“

Die dunkle Seite der Macht

Überhaupt beherrscht den Film eine manische Doppelbödigkeit. Mandys Martyrium wird durch Reds Rachetrip gegengespiegelt. Dem Jesus, der am Kreuz stirbt, gesellt sich jener Jesus hinzu, der mit göttlichem Zorn auf seine Feinde niederfährt. Das männliche Ego, das sich in Reds Fall als zerbrochen erlebt, als einen Mann, der die nicht beschützen konnte, die ihn lieben, feiert im weiteren Verlauf seine allmächtige Wiederauferstehung.

Dem gegenüber steht der Bösewicht, der Sektenvater Sand Jeremiah (Linus Roache), dessen Gier nach Anerkennung ihn in den Wahnsinn getrieben hat. Sein Sadismus speist sich aus einer verkannten Künstlerseele, ein bisschen Hitler, ein bisschen Grenouille. Als Mandy selbst unter Drogeneinfluss seine schonungslosen Avancen noch der Lächerlichkeit preisgibt, besiegelt sie ihr Schicksal. In diesem Fall zerschmettert das Lachen einer Frau das männliche Ego. Red hingegen kämpft für Mandys Lachen, das er verloren hat. Die Impotenz der beiden Gegenspieler zieht jeweils entfesselte Demonstrationen männlicher Potenz nach sich.

Wenn Red das kranke männliche Ego in den Nadelwäldern der Shadow Mountains mit der Kettensäge aufstöbert, dann leistet er damit zwangsläufig der Hoffnung auf ein gesundetes Gegenstück Vorschub. Wenn man so will ist „Mandy“ also eine Abrechnung mit der Philosophie von B-Movie Revenge-Plots mit den Mitteln eines B-Movie Revenge-Plots. Am Ende verliert sich die Genugtuung jedoch keineswegs in der Trostlosigkeit des Morgens nach der rauschhaften Tat. Der Höllentrip endet mit Besuch vom Himmel.

Ästhetisch kompromisslos

„Mandy“ ist überreich an großartigen Bildern, an Atmosphäre und an Einswerdung von Sound, Inszenierung und Story. Letztere fällt dabei spärlich aus, vieles über den reinen Rache-Plot Hinausgehendes bleibt zudem nur angedeutet. Doch gerade daraus entwickelt der Film seine hypnotische Sogwirkung. Der Einsatz von Dialog dient selten als direktes Vehikel der Handlung. Wenn geredet wird, kommt viel Grundlegenderes zur Sprache. Oder die Worte reihen sich nahtlos ein in die heisere Melange aus Bild und Ton.

 

„The psychotic drowns where the mystic swims.“

Mit seinem Red kredenzt Nicolas Cage zwischen alldem eine virtuose Mischung aus Wahnsinn, Verzweiflung und Coolness. Besonders ins Bewusstsein brennt sich eine Szene im Badezimmer, in das sich Cage, nach der nächtlichen Heimsuchung halb zu sich kommend, zurückzieht. Allein mit sich und der Realität schreit er gegen diese an, auf dass sie als die Traumblase zerplatzen möge, die sie doch sein muss. Aber nichts platzt und so zeigt die stoische Kamera einen Mann, der innerhalb einer Minute alles an Emotionen, nein, an Menschlichkeit auskotzt, das in ihm steckt. Als Red das Badezimmer wieder verlässt, hat sich ein Racheengel von archaischer Schönheit aus seinem Kokon gekämpft und begeht seinen Jungfernflug.

Man muss „Mandy“ nicht mögen, aber man kann ihn nicht übersehen, wenn man sich einmal fürs Hinsehen entschieden hat. Dass der Film an unpassenden Stellen Gelächter hervorruft, mag einerseits Cages Karriere als Meme geschuldet sein. Vor allem aber ist das Lachen Ausdruck einer Nervosität, die das Publikum angesichts des Gezeigten befällt. Mehr kann man von einem solchen Film nicht erwarten.