Filmkritik: Vice – Der zweite Mann oder darf Satire alles?

Filmkritik Vice

Spoilerwarnung: Da die Schwächen von „Vice“ vor allem inszenatorischer Natur sind, kommt diese Filmkritik nicht ohne Spoiler aus.

Dick Cheney hat das 21. Jahrhundert auf dem Gewissen. Und diese dämlichen Zuschauer, die doch tatsächlich „Fast and Furious“ gucken, anstatt politische Biopics. Damit ist der Inhalt von Adam McKays Vice treffend zusammengefasst. Ob es sich wirklich so verhält? Der dämliche Zuschauer erfährt es nicht, soll es aber glauben.

Was ist passiert? Dick Cheney (Christian Bale in dick) macht nach einigen Jahren als „Taugenichts“ Karriere im politischen Washington. Er bringt es bis zum Verteidigungsminister und Präsident Bush Senior und wendet sich dann der Privatwirtschaft zu. Bis ihn eines Sonntags ein Anruf erreicht, der ihn zurück auf die politische Bühne hievt: Bush junior will ihn als seinen Vize-Präsidenten. „Das ist ein sinnloser Job“ insistiert Cheneys Frau Lynne (Amy Adams mit Bob), aber Dick denkt schon ein paar Schritte weiter.

Methode Dampfhammer

Vice nimmt sich die Zeit, diese Vorgeschichte zu erläutern und wird dadurch tatsächlich zu einem Biopic. Dem Film geht es weniger um die verhängnisvollen Jahre der Bush junior-Administration, sondern um das Leben des Mannes, der diese Administration geleitet hat. Noch während der Exposition driftet Vice das erste Mal in eine Form von Kitsch ab, die McKay neu definiert: Satire-Kitsch. Cheney ist in jungen Jahren ein Trinker, ein hoffnungsloser Fall, aber seine Frau stellt ihm ein Ultimatum. Entweder er reisst sich verdammt nochmal zusammen oder sie geht. So enden Rosamunde Pilcher-Romane und so beginnt ein Film, der seinen Protagonisten demontieren möchte. Mit allen Mitteln und mit dem Dampfhammer, das heißt: Schon sein Motiv muss der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Wegen einer Frau das Ganze also, haha, Schwachkopf.

Fixiert auf die Person Cheney

Diese überambitionierte Herangehensweise zieht sich durch den gesamten Film. Nebenbei werden Themen wie Klimawandel, Framing, Vetternwirtschaft, Deregulierung, Lobbyismus und Aufhebung der Gewaltenteilung angerissen. Aber für nichts davon nimmt sich der Film wirklich Zeit. Anders als noch im genialen „The Big Short“ geht es McKay nicht um die Sache (Bankencrash), sondern um die Täter (Cheney). Da kommen all diese großen und kleinen politischen Katastrophen zwar gelegen, um Cheney möglichst verdorben darzustellen, aber sie selbst sind kaum von Relevanz. So verkommt McKay zu dem, als dass er die Zuschauer oder gleich das amerikanische Volk anklagt: Die drögen politischen Realitäten opfert er der seichten Befriedigung. Was dem Durchschnitts-Amerikaner sein „American Idol“, ist für McKay in Vice die Demontage der realen Person Dick Cheney.

Kritische Distanz verzweifelt gesucht

Fast folgerichtig verliert der Film dabei in Ton und Methode die kritische Distanz zu seinem Stoff, aus der allein heraus Bissigkeit und Treffsicherheit einer Satire entstehen können. Deshalb ist Vice auch keine bitterböse Satire, sondern nur ein ver-bitterter Film. Besonders deutlich lässt sich dies an den fehlenden Lachern feststellen: Während man bei „The Big Short“ noch halb kopfschüttelnd, halb belustigt im Sessel saß, gelingt es Vice kaum einmal, für komische Momente zu sorgen. Dem Umgang mit der geradezu absurden Geschichte fehlt jegliche Souveränität.

Wenn McKay gegen Ende dann auch noch die Homosexualität von Cheneys Tochter benutzt, um dessen Skrupellosigkeit endgültig und unübersehbar zur Schau zu stellen, fühlt man sich daher fast peinlich berührt. Zudem wirft es die Frage auf, warum ein Film es nötig hat, dafür die intimen Beziehungen seiner Hauptfigur auszuschlachten, wenn diese Figur Krieg und Folter zu verantworten hat? Beinahe wirkt es, als hätte McKay hier zum ersten Mal Instinkt bewiesen: In den ersten 120 Minuten ist ihm die Demontage Cheneys einfach nicht recht gelungen.

Inszenatorisch fragwürdig

Wie schon in „The Big Short“ greift McKay auch in Vice zu allerlei inszenatorischen Kniffen. Standbilder mit Voice-Over, verfrühter Abspann und eine Nachrichtensprecherin Naomit Watts, die die Rolle der schaumbadenden Margot Robbie übernimmt. Doch anders als im Film über die Lehmann-Pleite wirken diese Tricks wie aus der Mottenkiste. Zum eigentlichen Geschehen tragen sie nichts bei. Auch der fast-allwissende Erzähler, der immer wieder aus dem Off ertönt oder in Gestalt von Jesse Plemons (Fargo, 2. Staffel) direkt die vierte Wand durchbricht, erreicht nicht die nötige Höhe.

So wirkt der Film unfertig und seltsam zerfasert. Daran ändern auch die durchweg guten Schauspielleistungen nichts, zumal sich allein Bale von seinen typischen Rollen abheben kann. Amy Adams wirkt wie immer besorgt und Sam Rockwell gibt sich wie so oft einfältig-texanisch. Auch für die Nebenrollen hat McKay keinen Platz in seiner Agenda gefunden.

Wegen all dieser Mängel hat Vice auch keinen Aufschrei ausgelöst, keine Debatte über die Bush/Cheney-Ära. In seinem anklagenden, unsouveränen Ton kann man den Film als Republikaner, ja selbst als Dick Cheney persönlich, allzu einfach beiseite lächeln. McKay muss sich die Frage gefallen lassen, ob er der Sache mit Vice nicht einen Bärendienst erwiesen hat. Und ob der Zuschauer nicht irgendwo Recht hat, wenn er statt dieses Biopics einfach „Fast and Furios 8“ schaut.

Bildrechte Universum Film/ Annapurna Pictures