Jurassic World 2 oder die fabelhafte Welt der Apathie

Jurassic World Filmkritik

© Universal Pictures

Der wesentliche Unterschied zwischen einem Pornofilm und einem Spielfilm besteht in der Art und Weise wie der Zuschauer bei Laune gehalten wird. Im Porno gibt es ein Setting, klar verteilte Rollen, Regieanweisungen, mitunter sogar Dialog – aber das Interesse des Betrachters steht und fällt mit den dargebotenen Schauwerten. Im Spielfilm gibt es all dies plus einen Konflikt. Idealerweise trägt dieser Konflikt den Film und sorgt dafür, dass wir zwei Stunden auf eine Leinwand starren, obwohl wir nicht im Minutentakt entblößte, aneinander reibende Genitalien zu Gesicht bekommen.

Der Konflikt oder die Mehrzahl davon, sorgen beim Spielfilm für die nötige Reibung. Wann immer man das Gefühl hat, eine Spielfilmszene funktioniere nicht richtig, kann man sich daher eine simple Frage stellen: Welcher Konflikt wird in dieser Szene ausgehandelt? Findet man auf diese Frage keine Antwort, hat das Drehbuch meist ein Problem. Wenn eine Pornoszene nicht funktioniert, dann allein aus dem Grund, weil nichts passiert, d. h. es wird nicht gefickt oder man darf es nicht sehen.

Noch Spielfilm oder schon Porno?

„Jurassic World: Das gefallene Königreich“ ist nun ein Spielfilm, dessen Macher sich wohl als Pornofilmproduzenten verstehen. Sie vertrauen nämlich darauf, dass die Urzeit-Viecher irgendwie ähnliche Urinstinkte wachrütteln wie der detaillgetreue Anblick kopulierender Artgenossen. Konflikte, Charakterentwicklung oder gar so etwas wie ein Subtext (über den das erste Reboot durchaus noch verfügte) fehlen völlig. Die Dinos sollen von ihrer Insel gerettet werden, weil ein Vulkanausbruch selbige unter sich zu begraben droht. Der aufmerksame Leser wird die Stirn runzeln: Gelingt die Rettung der Saurier? Wer hat seine Finger im Spiel? Und was wenn die Urzeitechsen aufs Festland rübermachen? Ein wunderbarer Konflikt scheint sich aufzutun.

Leider gerät die durchaus solide Ausgangsprämisse zur actiongeladenen Exposition – keine 30 Filmminuten verstreichen bis alle obigen Fragen beantwortet sind. Das allein wäre kein Drama – man kann problemlos einen neuen zweiten Konflikt inszenieren, der sich aus dem ersten ergibt. Aber Jurassic World 2 verzichtet darauf. Fortan reiht sich Actionsequenz an Actionsequenz. Aus der Frage, was mit den Dinos zu tun sei und wie dies geschehen könne, wird stumpfes Werden-die-Guten-überleben und Können-sie-entkommen? Oder anders ausgedrückt: Die „Handlung“ hat bis hierhin getragen, aber jetzt wird endlich gebumst.

Dinos aber trotzdem keine Schauwerte

Selbst das könnte man dem Film verzeihen, denn er verfügt schließlich über Dinos, also dem Adventure-Pendant zu nackten Brüsten. Aber die anschließenden 90 Minuten kann man sich in etwa so vorstellen, als hätte King Kong nach seiner Überfahrt nach New York das Broadway-Theater nie verlassen. Keine Kavallerie, kein Empire State Building, kein Monster-trifft-Zivilisation. Bloß kleinteilige Schleich-Orgien im Halbdunkel. Dieser Porno knipst das Licht aus.

Es soll grandiose Erotikfilme geben, in denen Nacktheit ebenfalls nur sparsam eingesetzt wird, die Charaktere und deren Chemie untereinander aber den Rest besorgen. Die Diskussion schauspielerischer Leistungen kommt bei Jurassic World jedoch gar nicht erst in Gang, weil weder Chris Pratt noch Bryce Dallas Howard („Gold“) irgendetwas darzustellen hätten. Was will Pratts Figur, warum ist er hier, welche Hindernisse hat er zu überwinden, wie verändert sich sein Charakter im Lauf der Geschichte? Das sind Fragen, die ein gutes Drehbuch für gewöhnlich beantwortet, weil es seinen Charakteren etwas mit auf den Weg gibt. Pratt aber sieht einfach nur gut aus und tut absurde Dinge. Sein On-Off-Sidekick Howard hat sich derweil von der knallharten Geschäftsfrau aus Teil 1 zur Dino-Aktivistin gewandelt (sic!) – nur um dann im aktuellen Aufguss gar keine Ambitionen mehr zu haben, außer, sie ahnen es, gut aussehen und absurde Dinge tun.

Die Echse als Waffe

Das Motiv der Bösewichte reiht sich nahtlos in dieses Absurditäten-Kabinett ein. Natürlich, soviel hohle Kapitalismuskritik muss sein, die Bösen wollen mit den Dinos ordentlich Rendite machen. Da die Idee Dino-Park bzw. Dino-World seitdem letzten Desaster so tot ist wie die deutsche Atomkraft muss allerdings eine alternative Einnahmequelle her. Und wer wenn nicht das böse, böse Militär könnte eine solche sein? Dinos als unübersehbare, kaum zu wartende, kostenintensive und stets kurz vor dem Hungertod stehende Geheimwaffe – vergessen ist der Drohnenkrieg oder die atomare Bedrohung, die symmetrischen Kriege dieser Welt können jetzt mit Dinos ausgefochten werden. Da so eine Urzeitechse allerdings einen ziemlichen Dickschädel besitzt, muss sie manuell per Laserpointer aufs Ziel geprägt werden (sic!). Der Saurier als Kätzchen aus dem neuesten YouTube-Video. It’s just a prank, bro!

Man soll sich wieder gruseln – bitte!

Die Schauplatzknauserei hätte bei aller Tristesse wenigstens das Potential gehabt, für die nötige Beklemmung zu sorgen, von der sich die Sequels Stück für Stück emanzipiert haben – unvergessen bleibt die Caféteria-Szene aus dem allerersten Jurassic Park. Doch statt Raptoren (die sind jetzt gut, weil Pratt hat mal einen mit der Flasche aufgezogen) kommt die größte anwesende Urzeitechse zum Einsatz und statt einer quälend langsamen Verfolgungsjagd kredenzt Jurassic World 2 billigste Retortenware.

Das Böse ist hinter dieser Tür, hämmert uns die Kamera in den Kopf – nur um dann das Böse durch diese Tür springen zu lassen. Die Inszenierung erinnert hierbei stark an die reüssierenden Haunted-House-Streifen a la „Insidious“: die langsam nach dem Opfer greifende Dino-Klaue in Großaufnahme (siehe oben), das Geschrei im Bett kauernder Kinder. Die Kunstfertigkeit eines James Wan geht den Beteiligten jedoch ab – hier versinkt niemand im Kinosessel.  Bezeichnenderweise verkennt die Regie davon abgesehen den eigenwilligen Gruselfaktor der Original-Trilogie, wenn sie diesen auf eine herkömmliche Horrorästhetik reduziert.

Exemplarisch für diesen Film darf dann auch noch Jeff Goldblum, Park-Veteran der ersten Stunde, vor der Kamera Platz nehmen. Er tut dabei, sie ahnen es, genau nichts. Aber immerhin hat man ihn gesehen. Und zwar bei Tageslicht, perfekt ausgeleuchtet. Das ist doch auch was.

Nach über zwei Stunden Spielzeit ist die Messe schließlich gelesen. Ganz wie nach dem Genuss eines Pornofilms fühlt man sich ein wenig beschmutzt. Wenn der Reizstrom der Bilder nicht mehr mitreißt, die eigene Erregung abklingt, fragt man sich, was man hier eigentlich macht. Man möchte schleunigst raus aus diesem Kinosaal, wieder unter echte Menschen, mit echten Problemen. Doch keine Sorge. Das Leben findet einen Weg.