Niko Kovac und der Ballbesitz

Kovac Bayern Entlassung

Sven Mandel / CC-BY-SA-4.0

Den Ball haben zu wollen, das ist eigentlich eine Anmaßung. Denn wer den Ball haben will, der glaubt, damit etwas Sinnvolles anstellen zu können. Ein Dribbling, einen entscheidenden Pass, ein Schuss. Als Jürgen Klinsmann vor gut 10 Jahren ähnlich krachen daran scheiterte, dem großen FC Bayern München ein funktionierendes Spielsystem beizubringen wie jetzt Niko Kovac, begann in der Münchner Chefetage ein Umdenken. Fortan wollten auch die Bayern den Ball haben, entließen Klinsmann und verpflichteten Louis van Gaal. Der störrische Niederländer entstammte der Ajax-Schule eines gewissen Johann Cruyffs und war bekannt dafür eine anmaßende Naturerscheinung zu sein, in der Kabine, vor der Presse, aber vor allem: an der Seitenlinie. Denn van Gaal wollte den Ball.

Niko Kovac, der gestern jenen Platz an der Seitenlinie des FC Bayerns räumen musste, mag den Ball nicht besonders. Mit der Nationalmannschaft Kroatiens, wo seine Trainerkarriere begann, spielte er ein eher seltsames Umschaltspiel, das nicht recht zu den Stärken der Mannschaft passen wollte (Modric, Rakitic?). Bei Eintracht Frankfurt, die er erst vor dem Abstieg bewahrte und dann zum Pokalsieg coachte, setzte Kovac auf Mentalität, Pressing und lange Bälle. Sein Chef Fredi Bobic stellte ihm hierzu die nötigen Spieler zur Verfügung, die inzwischen für einen dreistelligen Millionenbetrag ins Ausland gewechselt sind: Rebic, Haller, Jovic.

Der bessere Spielmacher?

Die taktischen Kniffe der langen Bälle („Schlag den Ball lang, Bruder!“) und des Pressings zeichnen sich dadurch aus, dass sie Torchancen kreieren können, ohne viel am Ball zu sein. Aus der Defensive heraus wird der Ball in Zonen in der gegnerischen Hälfte geschlagen, die zwar nicht so nah am Tor sind, dass der Torhüter die Bälle abfangen oder stets für einen Rückpass bereit stehen kann, aber doch nah genug, um bei geglückter Ballbehauptung mit ein, zwei Pässen zum Abschluss zu kommen. Der Trick ist nun, dass diese langen Bälle gar nicht beim eigenen Spieler ankommen müssen. Sie müssen nur in der auserwählten Zone ankommen, die die eigene Mannschaft bereits durch Verschiebungen überladen hat (sprich: es stehen ungewöhnlich viele Gegenspieler um den Verteidiger, der den langen Ball erfolgreich abgefangen hat). Dort angelangt, provoziert das nun streng genommen gar nicht mehr angreifenden Team Fehlpässe und Ballverluste, gewinnt den Ball im Optimalfall im letzten Drittel zurück und hat sich das ganze komplizierte Ballgeschiebe aus der eigenen Defensive heraus bis an den gegnerischen Strafraum einfach gespart (und seinerseits dabei keine gefährlichen Ballverluste produziert). Kurz, mit der Stimme Jürgen Klopps gesprochen: Pressing ist der beste Spielmacher.

Mia san Mia oder nicht?

Die Bayern hatten dieser Spielweise lange abgeschworen, gewannen mit dem Ball am Fuß die Champions League und zogen, inzwischen mit Pep Guardiola an der Seitenlinie, dreimal in Folge ins Halbfinale ein. Drei verschlafene Kaderumbrüche und einen verschlissenen italienischen Erfolgscoach (Ancelotti will den Ball nicht unbedingt haben) später, schlug Niko Kovac an der Säbener Straße auf. Umringt von 20 Spielern, die oft noch unter Guardiola trainiert hatten, hielt er vermutlich eine emotionale Antrittsrede und philosophierte über Willen und Defensive. In München starb an diesem Tag etwas vom Glanz vergangener Tage, vom Selbstverständnis. Denn das vielbeschworene Miasanmia! hat vielleicht nie einen besseren Ausdruck gefunden als in einer Spielweise, die derart anmaßend ist, dass die Mannschaft den Ball haben möchte.

Unter Kovac gewann der FC Bayern München trotzdem die Meisterschaft und den Pokal, was eher an der nationalen Konkurrenz als an den Münchnern lag. In der Champions League aber ereigneten sich zwei Spiele, die die ganze Misere der Melange aus Vereinsführung und Trainerstab illustrierte: Gegen den späteren Sieger Liverpool flüchtete sich die Mannschaft an den eigenen Strafraum, verdichtete Räume und klärte Bälle. Der große FC Bayern München wollte den Ball nicht mehr.

Dass das Kapitel Kovac nun im zweiten Herbst endet, ist daher nicht verwunderlich. Ob diese Maßnahme fruchtet, hängt aber davon ab, ob die Verantwortlichen ihre Fehler wiederholen: Schon Ancelotti war der falsche Mann für diesen auf Ballbesitz geeichten Kader. Kommt nun ein Mourinho oder ein Hasenhüttl, bleiben die Bayern ein Team, dass den Ball nicht will. Vielleicht besinnen sich Hoeneß und/oder Rummenigge aber auch. In Holland wartet ein neuer Vertreter der alten Ajax-Schule auf den Ruf eines großen Vereins.

Foto Sven Mandel / CC-BY-SA-4.0