Filmkritik: Midsommar oder der Untergang des Abendlandes

Midsommar Filmkritik

Im schwedischen Hinterland sucht eine Gruppe Twentysomethings Zerstreuung, Forschungsmaterial und willige Blondinen. Stattdessen stoßen sie auf einen okkulten Flower-Power-Klan, der seine ganz eigenen Pläne hat und nicht viel vom Individualismus hält, denn die jungen Amerikaner in ihr Dorf getragen haben.

Spoilerwarnung: Massive Spoiler im weiteren Verlauf

Am Anfang des Films steht die Auslöschung einer Familie, die, wie jeder Verlust dieser Art, ihre ganze Tragik dadurch erhält, dass jemand überlebt. Dani (die grandiose Florence Pugh) ist diese Überlebende. In ihrer monumentalen Trauer wendet sie sich an ihren Freund Christian, der jedoch schon länger mit ihr Schluss machen wollte und von seinen Freunden dazu ermutigt wird. Angesichts der Trägödie verzichtet er darauf, ist jedoch schlicht nicht in der Lage, Dani beiseite zu stehen. Die alten Trost-Mechanismen (Christian = Christentum?) greifen nicht mehr. Nach Schweden kommt Dani aber trotzdem mit. Dort will einer der Jungs für seine Doktorarbeit das traditionelle Familienleben des Dorfes erforschen, aus dem Kumpel Pelle stammt.

Dieser ganze Auftakt ist eine famose Bilderabfahrt, die die Kunst des filmischen Erzählens in ein paar Pinselzügen rehabilitiert. Hier wird gezeigt, nicht erklärt. Regisseur Ari Aster tut dies auf eine grandiose und zugleich unerbittliche Weise, die diesen Prolog derart verdichtet, dass es eine helle Freude ist.

Midsommar ist ein zweigeteilter Fillm

Leider spielt die Haupthandlung allerdings im fernen, von der Mitternachtsonne ausgestrahlten Schweden, so dass die bedrückende Enge der dysfunktionalen Beziehung in New Yorker Studentenzimmern und die familiäre Trägodie zu Hause bleiben. Zwar tauchen beide Motive wiederholt auf, sowohl in drogeninduzierten Träumen als auch in der distanziert kältlichen Interaktion zwischen Dani und Christian, werden jedoch strikt auf ihre die weitere Geschichte grundierende Rolle reduziert. Dieses ist passiert, jenes passiert nun deshalb und allein das schauen wir uns jetzt an. Hier verliert Asters das Interesse für die interessanteste Dimension seines Films: Was genau passiert in einer derart toxischen Beziehung und wie findet man angesichts der Umstände dort heraus? Der weitere Film erzählt: keine Ahnung, aber so fühlt es sich an.

Auch das hätte grandios sein können. Doch in Hälsingland angekommen, verliert der Film zunächst folgerichtig alles an erzählerischer Dichte und die vermittelnde Bildsprache weicht einer Kubrickschen Fotografie. Midsommar mäandert durch die Weiten der Rituale, Gebäude und Menschen, die Asters im Dorf zusammenführt. Eine Handlung im Sinne einer voranschreitenden Kausalität, die durch Eingriffe der beteiligten Protagonisten aktiv verursacht wird, fehlt nahezu vollständig. Stattdessen wälzt sich eine Art unaufhaltsames Schicksal langsam vorwärts, das durch mythologische Wandstickereien bereits sehr früh im Film und sehr offensichtlich offenbart wird. Hier versteht es Aster nicht, auf dem schmalen Grat zwischen Suspense und Foreshadowing entlang zu balancieren und rutscht meist in überraschungsarme Vorhersehbarkeit ab.

Foreshadowing bis ans Limit

Diese Vorhersehbarkeit wird durch die bizarren Riten aufgebrochen, die die in weißen Gewändern umhertanzende Dorfgemeinschaft während eines 9-tägigen Festes abhält. Alsbald fördern diese Riten den wahren Charakter der vermeintlich harmonischen Gemeinschaft zu Tage, der sich irgendwo zwischen Leibesverachtung, Kollektivismus und Opferkult einreiht. Hierbei gerät die Kubricksche Linse in den Händen Asters zu einem machtvollen Instrument, mit der er im Zuschauer nagendes Unwohlsein erzeugt. Streng geomeotrisch angeordnete Tischreihen oder starr im Bild gehaltene verbotene Tempel vermitteln Harmonie und Künstlichkeit zugleich. Letztere verweist stets auf etwas Gemachtes und damit auf eine womöglich unheilvolle Absicht. Ersterer wohnt eine Abgeschlossenheit inne, aus der es gefühlt kein Entkommen gibt. Das ist Horror jenseits aller Jumpscares.

Im Zentrum der dem Stillstand nahen Geschichte steht weiterhin die Beziehung zwischen Dani und Christian und Danis damit verbundene Trauerarbeit. Der Verlust ihrer Familie schickt sie auf die Suche nach Geborgenheit. Unter Einfluss verschiedener Drogen verwächst sie buchstäblich mit der sie umgebenden Natur, während sie sich von Christian zusehends entfremdet. Hier bahnt sich eine Entwicklung an, die im Finale ihre volle Wirkung entfaltet. Der Preis einer Gemeinschaft ist die Unterordnung unter ihre Regeln. Der Preis der individuellen Freiheit ist die Entwurzelung, das freie Schweben im leeren Raum. Christian und seine Freunde stehen für und zelebrieren diese Art von Freiheit, die sie letztlich unvorsichtig in die Arme blonder Schwedinnen treibt. Dani findet in ihr jedoch keinen Trost. Ein Anruf von Dani entnervt Christian, im okkulten Dorf schreien die Frauen gemeinsam mit Dani ihren Schmerz heraus.

Die verführerische Kraft des Kollektivs

Diese Kontrastierung läuft jedoch nicht auf eine Apologie der okkulten Tradition hinaus. Schon die Verwirrung der Jungs bei ihrer Ankunft verrät die Oberflächlichkeit des gemeinschaftlichen Glücks:

„Wie spät ist es?“
„9 Uhr abends.“
„Das kann nicht sein, der Himmel ist blau!“
„So ist 9 Uhr abends hier.“

Der Kult kann die Dunkelheit der Nacht nicht bannen, nur übertünchen. Die Studenten begegnen dem bald sehr realen Horror derweil mit der postkolonialen Toleranz des schuldbewussten Eindringlings. Angesichts des Grauens verweisen sie auf die eben vorhandenen kulturellen Unterschiede – und bleiben. Absolute Werte werden vom eigenen Profilierungsinteresse übertrumpft, sei es wissenschaftlicher oder sexueller Natur. Die Relativierung der Gewalt findet also auf beiden Seiten statt: Hier aufgrund individueller Glücksgeilheit, bei der Dorfgemeinschaft aufgrund kollektiver Zwänge, die natürlich auch nur durch das Versprechen individuellen Glücks zwingen können, dies jedoch niemals tatsächlich artikulieren, um niemanden auf die Idee zu bringen, sein eigenes oder fremdes Glück rebellisch einzufordern.

Wertverlust und Orientierungslosigkeit

Midsommar ist daher eine Studie über die Unglückseligkeit des westlichen Individualismus, über die Sehnsüchte, die dieses Unglück hervorruft und über die Abgründe, die eine vermeintliche Alternative beherbergt und die die Menschheit bis zum Siegeszug dieses elenden Individualismus immer schon begleitet haben. Diese Abgründe werden im Finale unangenehm spürbar, wenn die Dorfgemeinschaft die präparierten Leichen der Freunde zum großen Opferfeuer aufreiht. Hier hat Midsommar etwas von Texas Chainsaw Massacre, übertrumpft diesen aber noch an Schrecken, weil die menschenverachtende Grausamkeit durch eine Ratio unterfüttert ist, die einem höheren Ziel folgt. Doch hier wie dort hat eine Familienbande Anworten auf dröhnende Fragen des westlichen Lebens gefunden, die zu dessen Negation führen. Das Schicksalhafte, das sich aus der Abwesenheit eines echten Plots ergibt, gerinnt zu einer unheilvollen Gewissheit: Der Negation ihres eigenen Lebens und ihres Wertesystems stehen die New Yorker Studenten antwortlos gegenüber.

Im Zuge des Finales verurteilt Dani ihren Freund schließlich zum Tod in den Flammen des Opferkults. Damit wird sie Teil der Gemeinschaft und auf ihrem die gesamte Spielzeit über schmerz- und panikverzerrtem Gesicht breitet sich zum ersten Mal ein erleichtertes Lächeln aus, als Christian von den Flammen verzehrt wird. Man kann kaum anders, als mitzugrinsen, so grandios und fanatisch ist dieser letzte Akt inszeniert. Aber auf dieser Seite der Leinwand lacht der Individualismus des Zuschauers, der Danis wütende Befreiung aus einer toxischen Beziehung bejubelt. Aus Danis Lächeln jedoch spricht die geglückte Verwurzelung eines einsamen Individuums in einer totalitären Gemeinschaft. Diese doppelte Katharsis ist eine erzählerische und inszenatorische Glanzleistung, die über alle dramaturgischen Schwächen im Mittelteil hinweg tröstet. Und Midsommar zu einem Film macht, der gesehen werden muss.