Filmkritik: Shape of Water oder King Kongs leises Flüstern

Shape of Water Filmkritik

[vc_row][vc_column][vc_column_text]Guillermo del Torros neuester Streich Shape of Water ist ein Kritikerliebling. Selbst den Oscar für den besten Film konnte ihm niemand streitig machen. Am Film selbst kann das nicht liegen. Sondern eher am Hollywood-Zeitgeist und an einer offenen Rechnung mit King Kong. Ein Versuch der Interpretation.

Eine stumme Frau verliebt sich in Aquaman. Aquaman ist aber Gefangener der amerikanischen Regierung und soll exekutiert werden, weil nur ein Toter ein „wunderbarer Neger“ ist. Natürlich will einer der Wissenschaftler das verhindern, nebenbei ist er übrigens ein russischer Spion. Deshalb ist die stumme Frau Eliza nicht allein, ihre schwarze Kollegin und ihr schwuler Nachbar helfen ihr ohnehin. Doch obacht: der böse weiße Mann aus der kapitalistisch ergaunerten Vorstadtidylle hat bereits sein Lager neben Aquaman aufgeschlagen!

Achso übrigens: der schwule alte Nachbar ist ein brotloser Künstler, der trinkt und vom Fortschritt (es gibt jetzt Fotos) überholt wurde, gefeuert von dieser unbarmherzigen Firma, die doch tatsächlich keine Verwendung mehr für ihn hatte. Eliza und ihre Kollegin sind freilich Reinigungsfrauen, unterste soziale Schublade also. Und Aquaman entstammt natürlich dem Reich der Azteken, wo die Regierung nicht nur neokolonialistisch Öltürme baut, sondern auch noch die einheimischen Gottheiten kidnappt.

Ein formloser Film

Es hätte so ein guter Film werden können. Ein Film über Sprache, übers Gehörtwerden und Nichtgehörtwerden, über die Liebe selbst. Aber Shape of Water ist ein Film, der selbst keine Form hat, wie die oben angesprochene Überfülle an politischen Konnotationen andeutet. Im Kern seiner Geschichte bleibt der Film zwar ein Stück über die Entdeckung des Subjekts im Objekt – eine Quelle von Empathie und Schaudern zugleich. Die Mehrweit will diesen Erkenntnissprung dann meist nicht mitgehen und daraus entspinnt sich die ganze Tragik (Frankenstein, Die Schöne und das Biest, ja selbst Romeo und Julia). Für die Regierung ist Aquaman ein Forschungsobjekt. Für die Putzfrau Eliza hingegen ist er ein Subjekt. Erst ein faszinierendes Subjekt, dann ein Subjekt der Begierde. Aber dieser erzählerische Kern wird allenthalben verlassen, um sinnlose Subplots einzufügen, deren einzige Funktion darin zu liegen scheint, noch einer diskriminierten Minderheit Leinwandzeit zu verschaffen. Als böten der entwurzelte Fremdling und die ausgestoßene Arbeiterin nicht genügend Zündstoff. Als dürfe man ja niemanden vergessen. Das macht Shape of Water zu einem handwerklichen schlechten Film, trotz aller visuellen und akustischen Brillanz.

Die Geschichte selbst scheint also nur die Schablone zu bilden für den eigentlichen Kampf dahinter. Den Kampf mit Diskriminierung, mit Sexismus, Rassismus und so weiter. In ihrer keiner Zensur zum Opfer fallenden Frivolität begleicht die Geschichte von Shape of Water dann sogar noch eine alte Rechnung mit einem alten Bekannten in Hollywood.

King Kong masturbiert gleich mit

Im ersten spektakulären „King Kong“-Film von 1933 darf die blonde Frau den Affen noch nicht lieben, im Schatten seines Angesichts hat sie vor allem zu schreien. Lieben muss sie letztlich doch den weißen Mann. Gut 70 Jahre später ist die Beziehung zwischen Affe und Starlet in Peter Jacksons Remake¹ dann bereits vielschichtiger. Hier kullern die Tränen, aber lieben muss Ann Darow trotzdem den weißen Retter. In Shape of Water schließlich darf endlich gevögelt werden, das Rassentabu ist aufgehoben, weil es keine Rassen mehr gibt, und der weiße Mann, der Eliza heldenhaft zu Hilfe eilt, ist schwul und daher fürsorglich unbeteiligt (ein Klischee in sich selbst). Kong nickt del Torro anerkennend zu, dort oben vom Olymp der Filmgeschichte. Auch wenn er einen ausgestochenen Nebenbuhler sicher vorgezogen hätte.

Aquaman der Kastrat

Überhaupt ist das sexuelle Verlangen in Shape of Water nur dann positiv besetzt, wenn es weiblich daherkommt, also wenn Eliza morgens vor der Arbeit in der Badewanne masturbiert, wenn sie Aquaman verführt. In diesen Momenten ahnt man einen Schimmer der Kraft, die feministische Statements in einem Film entwickeln könnten, wenn sie nur nicht so plakativ daherkommen würden. Diese Subtilität wird aber zugleich wieder eingerissen, wenn Fiesling Stricklands Sexualität als so desinteressiert am Gegenüber dargestellt wird, dass Sex für ihn wieder zur Masturbation wird.

Aquaman indessen ist in seinem Verlangen so kastriert, wie Freud es sich nicht besser hätte vorstellen können. Er trägt trotz aller Nacktheit ja nicht mal einen sichtbaren Penis mit sich herum. Sein Eightpack stilisiert diesen gewöhnungsbedürftigen optischen Leckerbissen dann endgültig zum Äquivalent des 50er-Jahre Frauenbilds: ein bedürfnisloses Stück Fleisch und verehrungswürdige Gottheit zugleich. Der Vorwurf der Vergewaltigung ist in Shape of Water wie in der Ehe von damals dennoch kategorisch undenkbar. Weibliche Sexualität ermöglicht es uns, Subjekt der Begierde zu sein, anstatt nur deren Objekt. Der Widerspruch zwischen Gottheit und Fleischbeschau scheint aufgehoben. Obwohl man ja schon mal darüber nachdenken könnte, ob Aquaman überhaupt versteht – nein, lieber nicht.

Du musst nur fest daran glauben – oder?

Die Erklärung für die unwahrscheinliche Liebe zwischen Eliza und Aquaman ist derweil so klischeebeladen, dass sie vermutlich gar nicht ernst genommen werden soll: Er nimmt Sie so wie sie ist, ihre Unvollkommenheit existiert für ihn nicht. Wow. Natürlich, wenn man kurz drüber nachdenkt, dann ist sie für ihn nur deshalb vollkommen, weil er die gesellschaftliche Norm nicht kennen kann, weil er keinen Hebel findet, um sie zu diskriminieren. Und natürlich ist sie eben doch nicht perfekt für ihn, weil sie ihm nicht in sein Reich folgen kann, so ganz ohne Kiemen. Doch auch dafür gibt es eine Lösung. Du kannst schließlich alles werden, wenn du nur willst (a.k.a. Kapitalismus ist geil, wenn du nur fest daran glaubst).

Es genügt also nicht. Ein paar verquere Metaphern heben den Film nicht aus seiner Beliebigkeit heraus, aus seiner angestrengten Haltung, aus seinem Kitsch. Was die Oscarjury geritten hat, dieses Werk als besten Film auszuzeichnen, muss im Dunkeln bleiben. Wenigstens hat sich del Torro eine selbstironische Schlusspointe aufgehoben: das pathetische Happy End ist nüchtern betrachtet ein Selbstmord – Eliza geht ins Wasser. Vielleicht möchte der Regisseur uns also nur mitteilen, dass es kein Entkommen gibt. Dass die Liebe nicht das ändert, was du bist. Soviel Subversivität übersteigt freilich den Interpretationsrahmen, so dass auch hier, haha, nur die Hoffnung bleibt. Und eine Faust gen Himmel für Kong.

Bildquelle: 20th Century Fox

1 Funfact: Der grandios choreografierte Kampf zwischen Kong und dem T-Rex ist fast ein Shot-for-Shot-Remake.[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]