Filmkritik: „The Favourite“ oder Das Gewimmel der Kaninchen

The Favourite Filmkritik

Filmkritik: „The Favourite“ von Yorgos Lanthimos mangelt es an einer tiefergehenden Handlung. Aber vielleicht liegt gerade darin die Genialität dieses Films.

Spoilerwarnung: Massive Spoiler im weiteren Verlauf.

Leiden oder Langeweile, mehr halte das Leben nicht bereit, gab der Philosoph Arthur Schopenhauer im 19. Jahrhundert zu Protokoll. Denn entweder man führt ein prekäres Leben mit allerlei Entbehrungen und Knechtschaft oder aber man ist den Niederungen der Lebensnotwendigkeiten entkommen und muss erkennen, dass ungehemmter Konsum frei von jedweder Mühsal noch viel sinnloser ist als das Dasein der Besitzlosen.
Unter dem Brennglas des Hofes prallen diese beiden einzigen Lebensmöglichkeiten aufeinander wie nirgends sonst. Die Dienerschaft lebt in beständiger Angst vor den Launen der Obrigkeit, die sich derweil Hummerwettrennen und Schminkexzessen hingibt. Der Stoff, von dem Lanthimos erzählt, ist in dieser Umgebung bestens aufgehoben, denn „The Favourite“ handelt nur vordergründig von Intrigen und Irrsinn. Eigentliches Sujet sind das Leiden und die Langeweile.

Es herrscht Krieg zwischen England und Frankreich, doch die englische Königin Anne (Olivia Colman) versinkt in Depressionen, die „Tragik ist ihr ständiger Begleiter“. Umschmeichelt und gleichsam kontrolliert von ihrer engsten Vertrauten Lady Sarah (Rachel Weisz) hält sie die Geschicke des Reichs nur noch pro forma in den Händen. Die Opposition im Parlament fordert Friedensverhandlungen, Lady Sarah aber will noch tiefer in die territorialen Eingeweide des Feindes vordringen – obwohl (oder weil?) ihr Mann an der Front kämpft. In dieses Schauspiel platzt Sarahs Cousine Abigal (Emma Stone) hinein, die ihren Adelstitel verloren hat und am Hofe einen Neuanfang wagen will. Lady Sarah zeigt sich gütig und weist ihr einen Platz in der Küche zu, doch Abigail hat andere Pläne.

Identifikationsfigur gesucht

In der Folge entspinnt sich zwischen den beiden Cousinen ein Kampf um die Gunst der Königin, der mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln geführt wird. An diesem Punkt verliert sich der Film schnell in der Beliebigkeit des höfischen Daseins. Ein echter Grund für die Motivationen der beiden Anti-Heldinnen ist nicht auszumachen. Lady Sarah führt selbst einige Male die Liebe an, die sie an die Königin und an das Reich und deren beider Wohl binde. Doch überzeugen kann ihr berechnendes und distanziertes Agieren langfristig weder den Zuschauer noch die Königin. Letztere ist Lady Sarahs Definition von Liebe spätestens dann überdrüssig, als Abigail beginnt, sie mit der zuckrigen Anmaßung namens Bewunderung zu überschütten.

Desillusionierte Dekadenz

Abigail wiederum möchte zurück in den Adelsstand, sie träumt von ausschweifenden Gelagen und Exzess. Zunächst tritt sie dabei als vom Schicksal Gezeichnete auf und bietet dem Zuschauer so etwas wie die einzige echte Identifikationsfigur. Doch schon bald offenbart sich hinter der gutmütigen und allzu nachvollziehbaren Oberfläche, hinter dem Wunsch nach ein bisschen Würde und Friede, ein niederer Abgrund, der für den eigenen Vorteil jeden Nachteil Dritter in Kauf nimmt. Zurück im aristokratischen Zirkel ergreift Abigail dann auch nicht die Freude über das Erreichte, sondern eben die Langeweile, übertüncht mit einer morbide anmutenden Feierwut, als sei sie verzweifelt auf der Jagd nach eben jenem Glück, das das Leben in der höfischen Dekadenz aus der Perspektive der Besitzlosen doch verspricht.

Manchmal macht es Spaß, Königin zu sein

Lady Sarah hingegen erkennt ihre Niederlage auf stoische Weise an, so dass es fast so scheint, als sei sie froh darüber, die ewige Langeweile und die Macht um der Macht willen gegen ein bisschen echtes Leiden eintauschen zu können. Die Königin hat ihre Depressionen derweil auch mit ihrer neuen Vertrauten nicht überwunden. Zwar dürfen ihre Kaninchen, die die Namen ihrer zahlreichen totgeborenen Kinder tragen, nun frei in den Gemächern herumtollen, aber diese Befreiung gegenüber der emotionalen Käfighaltung unter Lady Sarah ist ebenfalls nur eine scheinbare: Die Bejahung der eigenen Tragik mündet ebenso wenig in Akzeptanz wie ihre Verdrängung. So entdeckt die Königin dann doch noch ihren Herrschaftswillen als letzte Bastion des Trosts, als sie in einer psychedelischen Sequenz Abigail dazu zwingt, sie sexuell zu befriedigen: „Mir ist schwindlig, ich muss mich irgendwo festhalten“ (packt Abigail an den Haaren). In diesem Moment realisiert Abigail die nach wie vor existente eigene Abhängigkeit, ihr Ausgeliefertsein an die Launen der Königin. Aus dem Leiden gibt es kein Entkommen, es sei denn, man ist selbst die Herrscherin – dann aber droht eine völlig andere, nicht weniger schmerzhafte Form der Ernüchterung. Die Szene blendet über in das Gewimmel der Kaninchen, das eine Spur von Ewigkeit vermittelt, von ewigem, sinnlosen Gewimmel am Hofe wie anderswo.

Auf die Hungersnot folgt das Erbrechen

Als Siegerin aus dem Kampf um die Krone geht so letztlich doch noch Lady Sarah hervor, deren stoische Würde ihr als einzige die Tragik nimmt. Nichts sei umsont, merkt sie an, angesprochen auf ihren Wunsch, den Krieg gegen Frankreich auszudehnen, obwohl ihr Mann bei den Truppen weilt – und sie sei bereit, ihren Preis zu zahlen. Dieser Erkenntnisvorsprung unterscheidet sie von den übrigen Protagonisten, in all der Sinnlosigkeit hat sie eine Leidenschaft für sich entdeckt, die ihr Dasein rechtfertigt. Ähnliches hatte auch schon Schopenhauer vorgeschlagen. Lanthimos bebildert dies eindrücklich: Wo Abigail erst ausgehungert Brot in sich hinein stopft, um sich später nach den Gelagen herzhaft zu übergeben und die Königin den täglichen Kuchen ohnehin stets postwendend zurück auf den Teller befördert, muss Lady Sarah erst vergiftet werden, bevor sie sich erbricht. Die Langeweile der Verdauung ist ihr fremd, sie hat sich einen Hunger bewahrt, weshalb ihr Körper auch nicht gegen eine Überfressung rebellieren muss.

Plotting am Rande der Verweigerung

Lanthimos Verzicht auf einen ausgearbeiteten Plot, das Dahinplätschern der Exzesse, nimmt dem Film seine leichte Konsumierbarkeit, die anhand der schillernden Charaktere und großen Schauspielleistungen problemlos möglich gewesen wäre. Das kann man dem Werk als Makel auslegen. Aber gerade diese Unkonsumierbarkeit verleiht dem Gezeigten eine Unruhe und Banalität, die den Zuschauer selbst auf das zentrale Thema des Films zurückwerfen: Entweder man leidet an dieser Sperrigkeit von „The Favourite“ oder man langweilt sich. In jedem Fall aber sieht man der Zergliederung menschlicher Befindlichkeiten zu, deren Art und Weise bereits eine Pointe enthält. Auch wenn Lanthimos diesmal nicht das Drehbuch schrieb: So viel Konsequenz ist ihm aufgrund seines bisherigen Schaffens zuzutrauen.

Unterstellt man dem Regisseur diese Absicht, ergibt auch das unerwartete Genre des Kostümfilms Sinn – Lanthimos Filme machten bisher durch eine gewisse Reduziertheit von sich reden. Die Kostüme und Perücken jedoch legen dem Stoff gerade eine Ebene der totalen Oberflächlichkeit bei, von der aus die Abgründe von Leiden und Langeweile noch an Tiefenschärfe gewinnen. So wird „The Favourite“ zu einem Film, der das bloße Vehikel für einen anderen Stoff darstellt. Das muss man nicht mögen. Aber vielleicht sollte man es gesehen haben.

Bildquelle: Fox Searchlight Pictures