Filmkritik: Toni Erdmann oder das Grauen unter der Maske

Toni Erdmann Filmkritik

Spoilerwarnung: Massive Spoiler im weiteren Verlauf

Ein Vater der Alt-68er besucht unangekündigt seine Tochter, die sich in Bukarest als Unternehmensberaterin den Verheißungen einer Karriere hingegeben hat. Dort angekommen stellt der Vater fest, dass er sich erst auf die Suche nach seiner Tochter begeben muss. Sie ist aus der ihm bekannten Welt verschwunden.

Winfried Conradi ist Musiklehrer, hat ein Faible für skurille Komikeinlagen und lebt so vor sich hin, irgendwo in einem Dorf im Rheinland. Hinter seiner stoischen Gelassenheit blitzt eine Resignation vor dem Leben auf. Eine Eigenschaft, die sich auch in seiner Tochter wiederfindet und die letztlich die Schablone bildet, vor der die beiden wieder zueinander finden. So gut es eben geht.

Ines Conradi ist eine Blüte des Turbokapitalismus. Egozentrisch, neurotisch, manchmal wirkt es, als drohe ihre blasse Haut vor lauter Anspannung über den Knochen zu zerreißen. Für eine große Consultantfirma wickelt sie ein Outsourcing-Projekt in Rumänien ab. Dort wo der sozialistische Traum einst jäh in der kommunistischen Wirklichkeit ankam und sich nun reiche Westfirmen mit der Ineffizienz osteuropäischer Arbeitsweisen herumschlagen müssen. Regisseurin Maren Ade zeigt nie etwas von der Stadt Bukarest, wie auch Ines sich nicht die Zeit nimmt, sich einmal umzuschauen. Was sie aber zeigt, ist das Panorama der Bohrtürme, die den Boden ausbeuten, bewirtschaftet von ebenso ausgebeuteten Arbeitern. Damit ist der Ton des Films gesetzt.

Jenseits der Meetings und Präsentationen entspinnt sich am Abend das Soziale Miteinander der Businesswelt, was nichts anderes heißt, als dass auch die Freizeit im Dienst der Karriere steht: Das Abendessen ist die Chance auf einen neuen Kunden. Der Selbstzweck ist aus dieser Welt verbannt. Ines bewegt sich routiniert auf diesem Parkett und doch scheint sich der Boden unter ihr aufzutun. Hinter der Fassade lauert die Leere des Pappmachés. Ihr Vater Winfried spürt das und versucht dem Elend auf die ihm und seiner Generation angestammte Weise beizukommen. Spaghetti kochen, mal wieder über Werte sprechen.

Tochter und Vater sind Bewohner zweier Welten

Doch die Diskrepanz zwischen den beiden Welten von Tochter und Vater ist zu groß. Des Vaters Worte verfangen nicht mehr in einer Welt, in der Moral Pose ist. In der der Großkunde das Outsourcing zwar will, aber eine Beratungsfirma benötigt, die dies an seiner statt einfordert. Ines legt die Plattitüden ihres Vaters frei, die Verquickung seines relativen Reichtums mit dem Schicksal der Ölarbeiter. Zum Geburtstag schenkt Winfried seiner Tochter eine Käsereibe und – Geld. Vater und Tochter bewohnen verschiedene Universen. Auftritt Toni Erdmann.

Mit falschen Zähnen, Perücke und lila Sakko betritt ein Alter Ego des Vaters die Businessbühne, das dort nicht hineinpasst. Die Leute reagieren verwirrt aber freundlich auf den Sonderling. Seine Tochter treibt er mit seiner Darbietung hingegen an den Rand des Wahnsinns. Schließlich beschließt sie, das Spiel mitzuspielen und dem Vater einen Einblick in ihre Welt zu gewähren, der längst nicht immer angenehm ist. Durch seine Maskerade gelingt es Toni jedoch, inmitten der Maskenträger einen doppelten Boden in das Geschehen einzuziehen. Er spiegelt den Bewohnern dieser surrealen Welt ihre eigene Kostümierung vor und findet dadurch einen Zugang zu seiner Tochter, die sich der Herrschaft der Maske durchaus bewusst ist, sie jedoch schlicht für notwendig hält.

Schmerzhaft nahes Kino

An diesem Punkt wandelt sich der Film. Die Fremdschamkomik der ersten Stunde weicht einer schonungslosen Erkundung seiner Protagonisten, die bisweilen schmerzhaft ist und nur deshalb so gut funktionieren kann, weil die beiden Darsteller (Sandra Hüller und Peter Simonischek) selbst eine übermenschliche Performance aufbieten, die das Wechselspiel zwischen An- und Ablegen der Masken stets glaubhaft wirken lässt. Gleichwohl ist die Motivation des Maskenspiels bei den beiden grundverschieden. Während Winfried die Maske aufsetzen muss, um seiner Tochter näher zu kommen, muss Ines ihre Maske ablegen, um ihrerseits Nähe zulassen zu können. Doch bereit ist sie nicht dazu, stets entgleitet ihr die Maskerade versehentlich. Nie nimmt sie sich die Freiheit, nichts verkörpern zu müssen. Winfried hingegen hat sich Zeit seines Lebens die Freiheit genommen, keine Maske zu tragen und damit auch das Scheitern seiner Beziehungen zu Ehefrau und Tochter in Kauf genommen.

Toni Erdmann liefert keine moralische Wertung

Maren Ade verweigert hierbei klug eine Wertung. Weder Winfrieds noch Ines Welt sind realer als die andere. Beide sind auf ihre Weise am Glück gescheitert. Winfried brach mit der Moral seiner Eltern und hat sich fortan für nichts mehr verstellt, auch nicht für das Gelingen einer Ehe. Ines hingegen hat eine neue Moral gefunden. Sie diktiert die selbstlose Aufopferung für das eigene Ego, was natürlich im Wegfall des Ichs mündet, so dass niemand mehr übrig bleibt, der die Ernte einfahren könnte. Das Gemeinsame dieser Haltungen und damit von Vater und Tochter ist die Resignation.

Derjenige, der am Ende des Films keine Wandlung durchlaufen hat, bleibt allerdings Winfried. Er wähnt sich zwar letztendlich am Ziel, aber befreit hat er seine Tochter nicht. Die ist jetzt auf dem Sprung nach Singapur, das nächste Projekt steht an. Ihren kurzzeitigen Ausbruch, von Ade halb als Zusammenbruch, halb als Rebellion inszeniert, hat sie hinter sich gelassen. Gelernt hat sie, den Vater anzunehmen, seiner Sicht auf die Dinge nicht die Berechtigung abzusprechen. In der Schlussszene des Films eignet sie sich sogar seine falschen Zähne an, wie zum Zeichen ihrer Erlösung vom Wahn der Perfektion. Doch als sie diese wieder ablegt, noch bevor Winfried ein Foto schießen kann, verrät ihr Blick ins Nichts eine schlimme Ahnung: die Maskerade, das ist der Ort an dem sie sich wohlfühlt. Jenseits davon lauert doch nur das eigene Ich und seine ganze ewige Unglücklichkeit. Das Leben der Vaters eben.

Bildquelle: Sony Pictures