Filmkritik: „Werk ohne Autor“ oder wenn Filme fliegen lernen

Filmkritik: Werk ohne Autor

Foto: Buena Vista International/Pergamon Film / Wiedemann & Berg Film

Der deutsche Oscar-Beitrag „Werk ohne Autor“ von Florian Henckel von Donnersmarck („Das Leben der Anderen“) ist ein epochales Machwerk voller Pathos. Der Film setzt zu Höhenflügen an und fällt letztlich plump auf die Nase. Aber immerhin fliegt er.

Spoilerwarnung: Im Folgenden werden sowohl einige ästhetische als auch die Handlung betreffende Filminhalte vorweggenommen. Keineswegs wird allerdings der Film nacherzählt.

Der künstlerisch begabte Kurt Banert wächst im Nazi-Deutschland der 30er-Jahre auf, überlebt den Krieg und beginnt in der entstehenden SED-Diktatur seine Ausbildung zum Maler. Erst die Flucht in den Westen befreit ihn von den biederen sozialistischen Kunstidealen. In der Folge sieht er sich mit der bohrenden Frage konfrontiert, wozu er diese neue Freiheit nun eigentlich benutzen soll. Der Künstler und der Kampf mit seinem Werk.

Der Stoff aus dem Donnersmarcks Geschichte ist (stark angelehnt an die Biografie Gerhard Richters und zugleich stark zugespitzt), bietet Raum für Mythen. Die Art und Weise wie Tom Schillings Kurt Banert mit seiner Begabung ringt, das geschichtsträchtige Panorama in dem all das stattfindet – drei deutsche Staaten, zwei Diktaturen – die Frage nach der Kunst und ihrer Entstehung, die Enthemmung der Beteiligten. Man kann sich kaum etwas Größeres vorstellen, wenn man sich einmal auf diese Geschichte eingelassen hat. Vor allem auch deshalb, weil Donnersmarck damit seiner im Film prominenten eigenen Prämisse folgt: Er sieht nicht weg und zeigt deshalb Wahres, wie schon in „Das Leben der Anderen“, oder besser und schlimmer noch: Geschehenes, mit den Mitteln der Fiktion.

Der monumentale Stoff fliegt seinem Macher davon

Diese Mittel jedoch haben etwas Verführerisches an sich, wenn sie in Kontakt mit einem monumentalen Stoff wie diesem treten. Die Gefahr war groß, das Donnersmarck der Versuchung erliegt zu übertreiben, abzudriften in Kitsch und Pathos. Und tatsächlich: Der Pathos ist über die gesamten 188 Spielminuten unüberseh- und hörbar, der Kitsch schleicht sich immer dann ein, wenn der Regisseur Originalität vermissen lässt. Kamerakreisfahrten bebildern Momente der Ekstase, dicht folgt er Frauenkörpern von Fuß bis Kopf im Halbdunkel, auf dem Boden liegende Kleider verkünden sexuelle Aktivität. Der böse Schwiegervater betrügt natürlich seine Frau mit dem Dienstmädchen. Ironischerweise tönt daher eine gewisse Selbstvergessenheit des Regisseurs aus einigen Bildern von „Werk ohne Autor“. In diesen Szenen scheint es fast, als sei Donnersmarck ausgelaufenen Pfaden der filmischen Darstellung gefolgt, weil er sie eben für Wahres hält. Und damit für schön, wie des Malers Tante diesem von Kindesbeinen an eintrichtert.

Das Wegsehen und damit im Filmischen das Nicht-Zeigen wird bei „Werk ohne Autor“ zum Sündenfall erkoren. Eine geniale Idee, weil sie die Historie spiegelt, durch die der Film sich wühlt. Im Hitler-Deutschland war Wegsehen gleichbedeutend mit der Ermöglichung der Katastrophe, in der DDR määnderte man zwischen bürgerlichem Wegsehen und staatlichem Hinsehen und als Banert schließlich in der BRD der 60er Jahre aufschlägt, hüllt man sich dort noch in Schweigen bezüglich der Vergangenheit und damit der eigenen Schuld.

Für den Künstler aber bedeutet das Hinsehen gleichzeitig das Arbeiten können. Kunst und Moral erleben hier eine Verknüpfung jenseits einer stets vom Dogma bedrohten inhaltlichen Definition: Beide haben sie die Wahrheit zur Voraussetzung, mehr nicht. Der Schwiegervater als Antagonist wiederum ist aufgrund seiner Vergangenheit Zeit seines Lebens darum bemüht, dass die Leute weiterhin wegschauen, er selbst eingeschlossen – das ist hohe Plot-Kunst. Hier hebt der Film also spürbar an zu einem großen Wurf, aber leider kommt er damit nie irgendwo an – er stürzt vielmehr.

Hinsehen verboten?

Dem Dogma des Hinsehens folgt Donnersmarck dann konsequenterweise auch in seiner eigenen Arbeit. Dies hat zur Folge, dass sich das Gros der Kritiken zu „Werk ohne Autor“ an den vermeintlichen moralischen Verfehlungen abarbeitet, die den Film durchziehen sollen, weil er eben zu genau hinsieht. Einer Figur mit der Kamera in die Gaskammer zu folgen ist zweifelsohne so gewagt, dass sich das Adjektiv krümmt, wenn man es benutzt. Die Bombardierung Dresdens als Gegenschnitt zu wählen, ist zumindest mutig in der heutigen Zeit. Vor dem Hintergrund, dass jedes Jahr in diesem Land Mahnwachen stattfinden, bei denen Rechtsnationale auf geschichtsklitternde Weise den Opfern des Bombenkriegs gedenken, ist es zudem auch unglücklich.

Aber man kann die Montage dennoch kaum gegen den Regisseur wenden, spätestens dann nicht mehr, wenn er in der selben Szene das trostlose Ende deutscher Soldaten (die Brüder des Protagonisten) an der Ostfront bebildert. Diese Dreifach-Montage zeigt den Wahnsinn des Krieges, weil alle drei Ereignisse den jungen Maler prägen werden. Die geliebte Tante wird ermordet, die geliebte Heimatstadt zerbombt, die Familie zerfällt in ihre Einzelteile. Zumal die Gaskammerszene zwar notwendigerweise ästhetisiert ist, wie alles was auf Film gezeigt wird, aber keineswegs stilisiert. Aller klassischen Musik zum Trotz beklemmt die Sequenz, man kann das Gezeigte kaum ertragen (nicht zuletzt dank der großartigen Arbeit von Saskia Rosendahl). Diese Zumutung an den Zuschauer dröhnt wie ein Appell: Verhindern lässt sich die Katastrophe nur, wenn man hinsieht.

Unscharfe Charakterzeichnung

Der zweite große moralische Kritikpunkt der Kritiker betrifft den Umgang des Filmes mit seinen Frauen. Zu oft zur Staffage reduziert, ihre Körper ästhetisiert bis hin zur Entmenschlichung – so lauten die Vorwürfe. Und tatsächlich besteht der Film den berühmten Bechdel-Test nicht, sprechen eigentlich nie zwei Frauen miteinander und man sieht sogar hin und wieder nackte Brüste.

Mindestens ebenso oft sieht man allerdings Tom Schillings blanken Hintern, auch wenn dabei zugegebenermaßen keine diesen Körper zelebrierende Kamerafahrt zum Einsatz kommt. Viel verstörender als das bisschen Wahrheit – Männer starren auf schöne Frauen und sind von ihnen inspiriert – gerät die Verquickung von künstlerischem Durchbruch und weiblicher Fruchtbarkeit. Erst als Banert zu seinem Stil gefunden hat, wird seine Frau doch noch schwanger. Der Künstler als Geburtshelfer, die Frau als Trägerin seiner Früchte. Hier hätte man die Kritik am Chauvinismus platzieren können, aber dafür hätte einem die Metapher natürlich auffallen müssen.

Trotzdem nähert man sich so einem entscheidenden Makel von „Werk ohne Autor“. Die Nebenfiguren bleiben allesamt, nicht nur weil und wenn es Frauen sind, blass und unterentwickelt. Woher nimmt der Schwiegervater seine fast schon karikaturhafte Bosheit? Was hindert die Tochter und seine Frau am Aufbegehren? Was will die Tochter eigentlich außer ihren Maler? Darauf hat Donnersmarck auf seiner Suche nach der Motivation seiner Hauptfigur keine Antwort gefunden. Vermutlich hielt er es auch nicht für besonders wichtig.

Bei dieser Suche scheint der Regisseur einen kleinen persönlichen Triumph erlebt zu haben, lange bevor die erste Szene überhaupt gedreht wurde. Vier Wochen lang traf Donnersmarck sich täglich mit Gerhard Richter, dem realen Vorbild seines Protagonisten. Wenn man so will, konnte man Richter bis dato als unerschlossenen Künstler begreifen, als jemanden der stets alle autobiographischen Deutungsversuche von sich wies und stattdessen seine Bilder sprechen ließ. Donnersmarck aber nimmt sich mit „Werk ohne Autor“ unübersehbar heraus, Richters Betriebsgeheimnis auf die Spur gekommen zu sein.

Am Ende Banales

Das wäre für den Film nicht weiter schlimm, ja sogar förderlich, wenn die vermeintliche Erkenntnis nicht so abgedroschen wäre: Das Werk des Künstlers trägt tiefe autobiographische Furchen. Auf die (Kino-) Leinwand gebannt, mit dem Pathos einer großen Wahrheit, wirkt diese Einsicht noch banaler als ohnehin schon. Die eingangs etablierte Prämisse von der Wahrheit als notwendiger Erfüllungsgehilfin der Kunst, vom Hinsehen als heroischem Akt, kondensiert zu einer Binsenweisheit.

Nach all dem Pathos hätte man aber einfach mehr erwartet als mystische Momente der kreativen Erleuchtung mit Blätterrascheln und einen Transfer der „8 Mile“-Logik vom Ghetto in die Kunstakademie. So kann der Film sein Versprechen nicht einlösen und seine Höhe nicht halten. Aber zwischendurch ist „Werk ohne Autor“ immer wieder brilliant, nicht nur was den grundsätzlichen Plot angeht: die Art wie Paula Beer das erste Mal zu Tom Schilling ja-sagt, der erste Auftritt ihres Vaters, die Akribie des Pinselstrichs, das Grauen der Gaskammer, die lähmende Ohnmacht gegenüber der zwangssterilisierenden Staatsmacht, Stanniolpapier auf Nachthimmel. Man wünscht sich mehr solcher Filme, zumal aus Deutschland, die etwas wagen und deshalb wenigstens scheitern, wenn sie enttäuschen.