Filmkritik: 12 Geschworenen ist heiß

Flmkritik Die 12 Geschworenen

Filmkritik: „Die 12 Geschworenen“ oder wie Henry Fonda der Wahrheit näher kommt und dabei ins Schwitzen gerät und wie weit man diese Metapher treiben kann.

Spoilerwarnung: Massive Spoiler im weiteren Verlauf.

Im Film geschieht nichts zufällig, weil nichts echt ist, habe ich mal gelesen. Das ist so natürlich nicht ganz richtig, denn selbstverständlich sind die Filmemacher zu einem gewissen Grad dem Zufall ausgeliefert, etwa bei Außenaufnahmen oder technischen Fehlfunktion (Heath Ledgers Joker sprengt etwa wunderbar lakonisch das Krankenhaus in die Luft, weil der Zünder nicht wie geplant reagiert). Allerdings werden all diese Zufälle im Schneideraum nochmals unter die Lupe genommen, sodass man zumindest sagen kann, dass nichts zufällig im finalen Film landet.

Dieser kleine Exkurs muss vorangestellt werden, weil die kleine Reise durch ein Gestrüpp von Metaphern, die ihnen bevorsteht, andernfalls schnell phantastisch wirkt. Also: nichts im Film geschieht unabsichtlich.

Im Klassiker „Die 12 Geschworenen“ betreten zwölf Männer den Raum, in dem sie darüber beraten sollen, ob der 18-jährige Angeklagte schuldig oder nicht schuldig ist – und damit über sein Leben entscheiden, denn bei Schuldspruch droht ihm die Todesstrafe. Der Ventilator ist ausgefallen, ausgerechnet heute, wo doch „der heißeste Tag des Jahres“ ist. Die Beweislage erscheint den meisten Geschworenen erdrückend. Bei der ersten Abstimmung stimmen elf von ihnen für schuldig, allein Henry Fonda meldet Zweifel an. In den folgenden 80 Minuten entspinnt sich ein Kammerspiel über Moral, Wahrheit und Vorurteile.

Ständiger Begleiter dabei ist die Hitze und das Wetter insgesamt. Schon als die Männer das Zimmer betreten, rinnt einigen von ihnen der Schweiß, gefolgt von verzweifelten Versuchen, den Ventilator ans Laufen zu kriegen. Einer von Zweien, die ihr Sakko längere Zeit anbehalten, ist Henry Fonda. Ihm scheint die Hitze nichts auszumachen.

Die Luft ist zum Zerschneiden, doch der Ventilator steht still

Gerade diese Widerstandsfähigkeit scheint ihn in die Lage zu versetzen, bei der ersten Abstimmung nicht den Arm zu heben, sondern Zweifel anzumelden. Denn natürlich ist die schweißtreibende Hitze kein Zufall: Die Hitze symbolisiert die Wahrheit bzw. die vorurteilsfreie Annäherung an sie. Der Raum ist deshalb so heiß und der Ventilator kaputt, weil hier, anders als im Alltag, tatsächlich der Wahrheit auf die Spur gekommen werden soll. Die Klimatisierung des täglichen Lebens hinsichtlich seines Wahrheitsgehalts ist abhanden gekommen und es ist Henry Fondas Charakter, dem allein diese Konfrontation nicht zuwider ist.

Über die Gründe hierfür erfahren wir nichts weiter (vielleicht einfach, weil es Henry Fonda ist), aber das ist auch nicht unbedingt nötig. Denn der Wille zur Wahrheit ist dem Menschen so sehr zu eigen wie der Drang nach Nahrung. Fondas Charakter bedarf also keiner Erklärung, er verkörpert den Urzustand des menschlichen Willens. Umso intensiver beleuchtet der Film im weiteren Verlauf die Motivation der übrigen Geschworenen, genauer gesagt also die Gründe für ihren Unwillen zur Wahrheit. Von rassistischen Vorurteilen über fehlende Bereitschaft, den Dingen nach-zudenken, bis hin zu bitteren persönlichen Lebenserfahrungen ist alles vertreten. Kurzum: im steten Wirbel der modernen Gesellschaft ist die Wahrheit längst verschütt gegangen. Auftritt kaputter Ventilator.

Schweißtropfen verraten ihre Träger

Die übrigen Geschworenen reagieren verärgert auf Fondas Extravaganzen. Doch seine Bedenken sind weder durch Demagogie noch durch Einschüchterung beiseite zu wischen. Zu Beginn tupfen sich die von der Schuld des Angeklagten überzeugten Geschworenen noch den Schweiß von der Stirn, im weiteren Verlauf aber wird der Kampf gegen die Sturzbäche zunehmend hoffnungsloser. Einer nach dem anderen wechseln sie die Seiten.

Dabei vertritt Fonda keineswegs den absoluten Wahrheitsanspruch, den die anderen Geschworenen anfangs noch selbstsicher formulieren. Seine Methodik ist der skeptische Zweifel, er plädiert nicht auf nicht-schuldig im Sinne einer Gewissheit. Es ist der Mangel an Beweisen, der im ventilatorlosen Raum die dicke Luft und die Argumente seiner Widersacher zerschneidet.

Diese Einsicht ist entscheidend: Sobald die Geschworenen das Denken zulassen, verlieren sie ihre Sicherheit. An die Stelle der wohltemperierten Alltags-„Wahrheit“ tritt die heiße Herausforderung des Nichtwissens. Die ablehnende Haltung der Geschworenen speist sich dabei aus eben jener Herausforderung: Gibt man die Alltagswahrheit zugunsten des Zweifels auf, ist man gezwungen, sein eigenes Leben zu hinterfragen: Die eigenen Vorurteile, die Lebenslügen, die Einfältigkeit der eigenen Existenz. Eine wahrlich schweißtreibende Angelegenheit.

Denkverweigerung aus Selbstschutz

Schließlich steht es 6 zu 6, eine Kaltfront trifft auf eine Heißfront und als einer der Geschworenen nach dieser Abstimmung ans geöffnete Fenster tritt, setzt ein Gewitter ein. Bitte denken Sie an die Einleitung: Nichts geschieht zufällig.

Neben Henry Fonda gibt es einen anderen Geschworenen, dem die Hitze nichts auszumachen scheint, er vergießt keinen einzigen Tropfen Schweiß. Dieser erweist sich als strikt logisch denkender Mann, das Ideal des Wissenschaftlers, der lediglich einige Details übersehen hat. Als Fonda ihn durch seine Argumente schließlich überzeugt, holt der Mann sein Taschentuch hervor und tupft sich die Stirn: Der Zweifel hat ihn überwältigt.

Nicht von ungefähr ist der hartnäckigste Gegenspieler Fondas ein Mann, dessen Alltagswahrheit dazu dient, eine traumatische Lebenserfahrung schön zu reden. Im nassen Hemd ergeht er sich als letzter Widersacher Fondas in Tiraden, bis schließlich das aus ihm herausplatzt, was seine Gewissheit bedingt: Der Angeklagte erinnert ihn an seinen Sohn, den er ebenfalls mit Härte und Prügel zu einem geraden Kerl machen wollte – was in einem zerrütteten Verhältnis von Vater und Sohn resultierte. Die Lebenslüge des Mannes lautet, dass sein Sohn schuld daran sei. Schluchzend beugt er sich schließlich der immer größer werdenden Macht der Argumente und plädiert: nicht schuldig – weder der Angeklagte noch sein Sohn. Die Geschworenen verlassen schweigend den heißen Raum, der Himmel klart auf, jeder geht seiner Wege.

Stumm ist nur die Gewalt

Die Gefahr der Selbstgewissheit liegt in der Bestrafung von Unschuldigen, kalt und routiniert. Die Gefahr des Zweifels liegt im Auseinanderbrechen des persönlichen Sinnzusammenhangs, heiß und schmerzlich. Das Fatale am Urteil aber ist das Schweigen, das ihm nachfolgt – im Prozess wird gesprochen, erörtert, der Angeklagte darf zu Wort kommen. Nach dem Sprechen vor Gericht folgt die Gewalt (des Strafvollzugs), die allein stumm ist, wie Hannah Arendt sagt. Es sind die Alltagswahrheiten, die zu Urteilen geronnen sind, die eine Gesellschaft bestimmen und am Laufen halten – wo gesprochen wird, entsteht Irritation. „Die zwölf Geschworenen“ ist ein Film über diese Irritation, der das ihr zugrundeliegende Opfer nicht ignoriert. Hier wird es heiß, wenn man die Dinge näher betrachtet. Man sollte diesen Film öfters zeigen.

Bildquelle: MGM Studios