Filmkritik: Parasite

Filmkritik Parasite

„Parasite“ von Bong Joon-ho lässt Kritikerherzen höherschlagen, heimste die Goldene Palme in Cannes ein und wird von manch einem schon als Oscarfavorit gehandelt. Hält der Streifen, was die Presse verspricht?

Nein.

Guter Film, ja.

Aber der Hype ist nur ein lächerliches Symptom dieser lächerlichen Gesellschaft, die, wann immer ihr ein halbwegs konsumierbares Kunstwerk auch nur ansatzweise auf die Schliche kommt, sofort in hysterische Lobpreisungen verfällt, halb panisch überdreht wie Tante Magda in ihren letzten Zügen, teils mit dem bitterernsten Gesichtsausdruck eines alternden Professors, der hinter seiner Hornbrille verzweifelt zu verbergen versucht, dass er so alt noch gar nicht ist und das Wertvollste an den von ihm verfassten Büchern die Leerstellen sind. Kurzum: Hier kratzt ein Film an der psychologischen Oberfläche der vermeintlich postideologischen Klassengesellschaft und der Beißreflex der heutigen Zeit besteht darin, diesen Film sofort für sich zu vereinnahmen, als Glanzstück, als geniale Parabel über das Sein und Nicht-Sein unseres Jahrhunderts. Derart umschlungen stehen plötzlich alle auf der richtigen Seite, sodass man sich fragen muss, wen der Film eigentlich noch aufs Korn nimmt, das Gruppenbild angereichert mit der tiefen Absurdität von Politikern, die auf Demonstrationen mitlaufen.

Gleichzeitig verweist dieser Hype, der neuerdings dem Independent-Kino entgegenschlägt (siehe auch „Midsommar„, der als Kritik am Kulturrelativismus im Sinne von Houellebecqs „Unterwerfung“ gedeutet werden kann, aber nicht wird) auf eine dem vereinnahmten Film inhärente Harmlosigkeit. Wäre Bong Joon-ho hier tatsächlich der herbeigeschriebene große Wurf gelungen, also auch, denn so muss man den Film trotz aller Ambivalenz lesen, eine tatsächlich treffende Beschreibung unserer Gesellschaften, könnte diese Vereinnahmung gar nicht erst stattfinden. „Parasite“ hat daher dasselbe Problem wie klimafreundliches Konsumverhalten: Irgendwie richtig, irgendwie gut, aber den eigentlichen Punkt verfehlt er – und genau deshalb können sich alle darauf einigen. Und sich erhaben fühlen, wenn sie die ach so tiefe Gesellschaftskritik dieses Streifens verstehen und bejahen. Denn am Ende des Tages bleibt es, wie es immer war: Wo das Licht hinfällt, suchen die Kakerlaken das Weite.

Natürlich ist es wunderbar, dass solche Filme gedreht werden und in Deutschland einen bundesweiten Kinostart erleben. Aber verdammt nochmal: Kapitalismuskritik macht einen Regisseur nicht zum neuen Kubrick. Und die Tatsache, dass du sie verstehst, dich nicht zu Rosa Luxemburg.