#AKKgate und der Toilettenwitz: Pure Maskulinität muss immer siegen

#akkgate

Die Rate an Selbstmordgedanken und Selbstmordversuchen liegt bei Transsexuellen um das 22-fache höher als bei Nicht-Transsexuellen. Diesen kleinen Fakt (basierend auf einer Studie aus Kanada) sollte man mit in die Diskussion nehmen, bevor man über Humor und Karneval spricht.

Ob eine dritte Toilette wirklich notwendig oder sinnvoll ist, sei dahingestellt. Zur Geschichte des #AKKgate gehört aber, dass es nicht wirklich um die dritte Toilette ging. Vielmehr war der Witz als Seitenhieb gedacht gegen Zeiten und Zeitgenossen, die dafür sorgen, dass die Männer keine richtigen Männer mehr sind. Warum die Frau „selbst ist“, begründete Kramp-Karenbauer damit, „weil sie es sein muss“. Die „Männer von heute“ solle man sich doch nur mal „angucken“. In Berlin trinkt man gar Latte Machiatto und will die dritte Toilettte einführen. Eben für Männer, die keine richtigen sind. So geht Kulturpessimismus auf diskriminierend.

Sehnsucht nach dritter Halbzeit statt dritter Toilette

Aus diesen Worten und dem nachgereichten, abgedroschenen Witz über Männer, die sich von der Weltherrschaft träumend beim kleinsten Schnupfen mit „Wick Medinait zum Sterben ins Bett legen“ spricht eine Sehnsucht nach einer Männlichkeit, die die dritte Halbzeit über die dritte Toilette stellt. Nach einer Welt also, in der Schwäche, Unsicherheit, Gefühle allenthalben keinen Platz haben. In der allerhöchstens das Weizenglas ein paar Tränchen auffangen darf. Hierbei spricht man neudeutsch von „toxischer Männlichkeit“.

Das Problem mit solchen Begriffen (wie auch „Gender“, „rape culture“, usw.) ist, dass sie meist aus komplexen Diskursen stammen, aus denen sie für Twitter und Aktivismus von weniger komplexen Zeitgenossen herausgerissen werden und so dort zur Lächerlichkeit verkommen. Deshalb zur Klarstellung: Es ist nicht schlimm, wenn Jungs raufen. Es ist nicht schlimm, wenn Männer Spaß daran haben, sich zu messen. Es ist nicht schlimm, wenn ein Vater auf dem Spielplatz seinem Sohn nicht die volle Dosis Streicheleinheiten verpasst, nachdem dieser auf den Allerwertesten gefallen ist.

Toxische Männlichkeit geht alle an

Aber es ist schlimm, wenn Männer überzeugt sind, keine Gefühle zeigen zu dürfen. Es ist schlimm, wenn sie niemanden zum Reden finden, weil sie sich vor Ihresgleichen nur lächerlich machen würden, wenn sie von ihren Sorgen berichteten – weil die anderen Männer ja die gleiche Überzeugung haben und Abweichungen davon entsprechend sanktionieren müssen.

AKKs Witz ist daher selbstverständlich transphob. Er reduziert ein von der WHO vor Kurzem noch als psychische Erkrankung klassifiziertes Phänomen auf die männliche Verunsicherung darüber, wie man im 21. Jahrhundert richtig pisst. Folgt man der WHO in dieser Einschätzung nicht, wie es viele Transgender-Aktivisten tun, wird der Witz zum „Ist doch alles gut“ und „Stell dich nicht so an“ der Nicht-Betroffenen. Transsexualität eingereiht irgendwo zwischen Latte Machiatto und Männergrippe.

AKK galt als Rettung vor dem Reaktionären

Ebenso ist Kramp-Karenbauers Scherz aber die Reproduktion jener toxischen Männlichkeit, die sie in Gestalt von Friedrich Merz laut einschlägiger Feuilletons so heroisch bekämpft hat. Das „alte Deutschland„, das mit Merz‘ Griff nach dem Parteivorsitz von den Untoten auferstand – es flaniert quicklebendig durch die Büttenrede AKKs.

Wer nun tönt, man möge sich ob eines Kalauers zu Karneval doch bitte nicht so anstellen, muss sich ehrlich machen: „Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder noch sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist diese Toilette“ hat AKK gewitzelt. Was ist das Humorvolle daran? Die enttäuschte Erwartung der Zuhörer (welche sollte das sein)? Lacht hier jemand über eine gut versteckte Pointe? Oder lachen doch alle im Saal nur über eine Minderheit, deren Belange man eben für lächerlich hält?

Worüber lacht der Saal?

Man darf Witze über Minderheiten machen. Ein guter Witz geht so: Ein Jude kommt in den Himmel, nachdem er Auschwitz überlebt hat. Dort erzählt er Gott einen Witz über den Holocaust. Dieser meint: „Das ist nicht witzig.“ Der Jude entgegnet: „Ach, man muss da gewesen sein, um ihn zu verstehen.“

Ein schlechter geht so:

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