Antje Schrupp und die Realität des Geschlechts

Schrupp Geschlecht Realität

„Sex is real“ sprach J. K. Rowling und erntete einen Shitstorm. Im Englischen lässt sich besser unterscheiden, worum es hierbei geht: „Sex“ ist das biologische, „Gender“ das soziale Geschlecht. Rowling meint also, es gebe Menschen mit klar männlichen physischen Geschlechtsmerkmalen und Menschen mit klar weiblichen physischen Geschlechtsmerkmalen. Auftritt deutsches Leitmedium: ZEIT-Autorin Antje Schrupp argumentiert in 1200 Wörtern, weshalb das Unsinn sei. Auftritt vernunftparasit.de: 900 Wörter über freie Assoziation.

Antje Schrupp beginnt ihre Argumentation mit der rhetorischen Frage, was mit Rowlings Aussage „Sex is real“ gemeint sie, die sie damit beantwortet, dass es um eine schlichte Definitionsfrage gehe. Nämlich um die Bedeutung der Worte „Mann“ und Frau“. Damit holt sie den Diskurs sehr früh auf ihre Seite, denn wesentliches Merkmal der von Schrupp propagierten Spielart des Feminismus ist es eben, hinter allem eine Definitionsfrage zu sehen und damit jede common sense Überzeugung als potentiell konstruiert zu betrachten. Auch die Überzeugung, dass es offensichtlich mindestens mal zwei biologische Geschlechter gibt, die sich im Normalfall (sprich in der deutlich überwiegenden Mehrzahl der Fälle) einfach zuordnen lassen.

Die Bedeutung von Wörtern verändere sich jedoch, merkt Schrupp an und ist damit offenbar beim nächsten Punkt ihrer Argumentation angekommen. Motor dieser Veränderung ist laut Schrupp der gesellschaftliche Aushandlungsprozess. Kurzum: Die Definitionsfrage, um die es hier laut Schrupp geht, lässt sich nicht durch den Rekurs auf Fakten beantworten, so einfach ist das nicht.

Hodenhochstand als intersexuelles Merkmal?

Wie zum Beweis führt Schrupp eine Studie an, derzufolge 98,3 % aller Neugeborenen klar den Kategorien „männlich“ oder „weiblich“ zugeordnet werden können (klar im Sinne von herkömmliche, funktionstüchtige Geschlechtsorgane). Aber, jetzt kommt’s: Deshalb sei „Sex“ noch lange nicht real, denn es gibt immerhin 1,7 % Neugeborene bzw. 1,4 Mio. Menschen in Deutschland, die bei der Geburt nicht eindeutig zugeordnet werden können (davon 400.000 Jungs mit Hodenhochstand, die ein paar Tage nach der Geburt getrost zu den 98,3 % dazu gerechnet werden dürfen; das verschweigt Schrupp allerdings).

An diesem Punkt entstehen erste Fragezeichen über dem Kopf des geneigten Lesers. Inwiefern spricht die Tatsache, dass es Menschen gibt, die nicht einem der beiden gängigen biologischen Geschlechtern zugeordnet werden können, gegen die Realität des biologischen Geschlechts selbst? Man wird ja nicht die Existenz der Ozeane bestreiten, weil es zwischen Meer und Festland noch das Watt gibt, von dem man nicht so recht weiß, ob es nun noch zum Wasser oder bereits zum Land gehört.

Aber Antje Schrupp hat einen zweiten Pfeil im Köcher: „Und zweitens stellt sich immer noch die Frage, was wir kulturell und sozial mit dieser empirisch beobachtbaren Unterscheidung anfangen.“ An diesem Punkt, so könnte man meinen, widmet sie sich nun dem Gender, also dem sozialen Geschlecht, immerhin schreibt Schrupp ja selbst von Kultur und Sozialem. Da der ganze Anlass für ihren Text die Aussage „Sex is real“ war, verlässt sie hier den ursprünglichen Argumentationsgegenstand.

Die beobachtbare „reproduktive Differenz“ (sie meint wohl biologisches Geschlecht?) muss laut Schrupp nämlich nicht zwangsläufig zu einer Unterscheidung zwischen Männern und Frauen führen (dem sozialen Geschlecht? Oder gar nicht erst zum biologischen? Ist die reproduktive Differenz nicht das biologische Geschlecht?). Da gebe es nämlich Gegenbeispiele. Zum Beispiel bei den Yoruba. Die haben keine Wörter für „Mann“ oder „Frau“, lediglich einen eigenen Begriff für „Menschen mit Gebärmutter in der Lebensphase des Gebärens“ (also für fruchtbare biologische Frauen?). Hier stehe also die bloße Funktion im Vordergrund (Gebärmaschine), so wie ein Tischler eben Tischler sei, über die Person selbst wird damit aber nichts ausgesagt (soziales Geschlecht?).

Bloß keine Fakten, Fakten, Fakten

Hier wird das ganze argumentative Elend der von Schrupp vertretenen Position deutlich: Die sinnvolle Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht, der Hinweis also, dass du als Person nicht so und so sein musst, nur weil du einen Penis oder einen Uterus hast, wird im zweiten Schritt wieder aufgelöst, wenn in der Tradition von Judith Butler behauptet wird, dass auch das biologische Geschlecht nur eine Konstruktion sei. Wenn sowohl Sex als auch Gender soziale Konstrukte sind, die mit keiner einfachen faktischen Wahrheit korellieren, fehlt es Autorinnen wie Schrupp zunächst an einem geeigneten begrifflichen Instrumentarium, um ihren Argumenten wenigstens den Anschein innerer Logik zu verleihen, wie der Versuch einer Reformulierung ihrer Argumentation offenbart.

Außerdem dreht sich die Idee, es gäbe trotz offensichtlicher faktischer Unterschiede die Möglichkeit, diese Unterschiede schlicht nicht zu benennen und daraus folge, dass diese faktischen Unterschiede keine weitere Relevanz besitzen, im Kreis. Schrupp versucht die biologisch motivierten Begriffe „männlich“ & „weiblich“ als optional zu entlarven und hofft so, das, was sie bezeichnen und wodurch sie motiviert sind, nämlich die wahrnehmbaren physischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen, als etwas jenseits der menschlichen Welt Stehendes zu bewahren, dass bitte bloß keine Konsequenzen für die menschliche Konstruktion der Wirklichkeit haben soll. Dadurch aber erhebt sie diesen biologischen Unterschied gerade in den Status einer objektiven Tatsache, an dem sich dessen Benennung und deren Nützlichkeit überhaupt erst entzündet. Die andere Möglichkeit wäre die Negierung der Existenz dieses Unterschieds – dazu lässt sich Schrupp hier jedoch nicht hinreissen.

Gleichzeitig geht die mühsam errungene Unterscheidung zwischen Sex und Gender über Bord, vor der doch allein das Individuum sich emanzipieren kann, indem es jenes Attribut an sich (die Tatsache, dass es funktionstüchtige weibliche Geschlechtsorgane besitzt) als biologische Tatsache einordnen kann und jenes als sozial konstruiert (die Tatsache, dass der Erhalt seiner Jungfräulichkeit deshalb löblich ist). Im Ergebnis ist nichts mehr genuin männlich oder weiblich, ja nicht einmal mehr die Fähigkeit, ein Kind zu gebären: „Männer gebären Kinder“ schreibt Antje Schrupp und führt als Beweis den Fall von Reuben Sharpe an.

Bei der von ihr verlinkten Boulevardzeitung fehlt der Hinweis, der hier verlinkte Artikel der New York Post klärt dann aber auf: Sharpe hat natürlich noch einen Uterus und Eizellen, da als biologische Frau geboren und per Hormontherapie zum Transmann geworden. Letztere musste er lediglich absetzen, um seine biologischen sexuellen Funktionen für die Geburt seines Kindes einzusetzen. Sharpe ist also ein perfektes Beispiel für eine biologische Frau, die ein sozialer Mann ist. Wenn Schrupp schreibt, dass Männer Kinder gebären würden, kann sie also eigentlich nur Männer dem Gender nach meinen, nicht aber biologische Männer. Schrupp schreibt allerdings, dass dieses Beispiel zeige, dass sich die „reproduktive Differenz“ (das biologische Geschlecht also) langsam aber sicher auflöse. Hier lässt sich die Autorin dann doch noch auf die Negierung des faktisch existenten Unterschieds ein. Spätestens an diesem Punkt ist Schrupp nicht mehr zu folgen.