Der Mann aus Glas nimmt seinen Hut

Arjen Robben Portrait

Ein Zwei-Meter-Hüne bringt sich im Strafraum in Position. Die Anzeigetafel zeigt die 74. Minute. Angespannt legt sich der Eckballschütze den Ball zurecht. Seine Mannschaft braucht ein Tor, um ins Halbfinale zu kommen. Er spielt den Ball hoch in den Sechzehner, der Hüne pflügt durch den Fünfer, doch der Ball segelt über alle hinweg. Er senkt sich zu einem zehn Meter weiter hinten lauernden Männlein. Alleingelassen tippelt es mit kurzen Schritten in die richtige Lage, dann holt es mit dem linken Fuß aus und schießt den Ball volley von der Strafraumkante ins linke untere Toreck. Unhaltbar, 2:3, ein Tor wie ausgedacht.

Arjen Robben ist 26 und gelangt in diesen Tagen auf den vorläufigen Zenit seines Schaffens. Im Sommer war Ex-Präsident Perez zu Real Madrid zurückgekehrt und hatte damit begonnen, aus den Königlichen wieder „die Galaktischen“ zu formen. Nach Jahren des Misserfolgs lotst er unter anderem Cristiano Ronaldo, Kaka und Karim Benzema in die spanische Hauptstadt. Gesamtkosten: 250 Millionen Euro. Der Verein braucht Geld.

Kein Platz bei den Galaktischen

Robben nennen sie damals schon den „Mann aus Glas“. Seine Verletzungsanfälligkeit macht ihn entbehrlich. Trotz der besten Vorbereitung seines Lebens erhält er in den ersten Saisonspielen keine faire Chance. Derweil sitzt Uli Hoeneß mit leuchtendem Kopf in der Allianz Arena. Im Sommer nach dem Seuchenjahr mit Jürgen Klinsmann an der Seitenlinie war man eigentlich guter Dinge, in Louis van Gaal den richtigen Mann an die Säbener Straße geholt zu haben. Doch Ende August sind die Bayern 14. und haben noch kein Ligaspiel gewonnen. Karl-Heinz Rummenigge greift zum Telefonhörer.

Wenige Tage später leuchtet auf der Anzeigetafel des vierten Offiziellen zum ersten Mal die Nummer 10 auf, als sich neben ihm ein kahlköpfiger junger Mann bereitmacht. Robben wird zur Halbzeit gegen den amtierenden Meister Wolfsburg beim Stand von 1:0 eingewechselt. Er sprintet auf den Rasen, etwas zu aufrecht für einen gewöhnlichen Spieler. Am Ende gewinnen die Bayern 3:0, Robben schießt zwei Tore. Der Vorbereiter hört beide Male auf den Namen Franck Ribery.

Chirurgische Präzision eines Scharfschützen

Es ist der Nullpunkt einer Ära, die den FC Bayern München in neun Jahren sieben Mal ins Halbfinale der Champions League führen wird, darunter drei Finalteilnahmen und der Gewinn der Champions League 2013. Und die nun endet. Robben verlässt die Bayern im Sommer, vielleicht Richtung Heimat.
Seine Karriere austrudeln zu lassen, passt nicht zum Ehrgeiz dieses Mannes. Aber es wäre ein ironischer Schlusspunkt, denn auch das wichtigste Tor seiner Karriere, das so anders war als alle anderen, ließ er mit einem Schüsschen über die Linie trudeln. Grausamer kann man ein Champions League Finale nicht entscheiden.

Überhaupt hat Robbens Spiel nichts Wildes oder Exotisches. Es lebt von Genauigkeit, von chirurgisch präzisen Schnitten in freie Räume, die sich auftun, wenn er mit rasender Geschwindigkeit auf die Verteidiger zudribbelt. Diese kleinen Maschen an Raum, die er immer wieder findet, die er erzwingt und aus denen heraus er zu seinen Schüssen ansetzt, bilden den Kern des Phänomens Arjen Robben.

Raumschaffer statt Raumdeuter

„Du entscheidest“, beschreibt Robben einmal das Geheimnis seiner so oft gezeigten Tore aus der Distanz, denen ein schneller Richtungswechsel auf die Innenbahn vorausgeht. Nicht der Verteidiger, meint er. „Wenn du loslegst, legst du los. Und normalerweise sind sie dann zu spät“. Die Milisekunden an Reaktionszeit, die auch die besten Verteidiger benötigen, um seine Richtungswechsel in ihre Bewegungen einzupreisen, genügen Arjen Robben, um eine Lücke aufzutun.

Das hat sein Spiel einzigartig gemacht. In einer Zeit, in der im Fußball die Räume enger wurden, in der ein Raumdeuter wie Thomas Müller zeitweise arbeitslos wurde, weil es keine Räume mehr zu deuten gab, hat Robben beharrlich Löcher in Defensivverbände gerissen. Dabei ist er in den entscheidenden Situationen nicht an seinen Gegenspielern vorbeigezogen.

Stattdessen hat Robben sie in die Seitenlage gezwungen, ihren Schwerpunkt ausgehebelt und sie in dem Glauben sterben lassen, seinen Schuss mit einem langen Bein noch abwehren zu können. Sie konnten es nicht.

Man mag sich kaum ausmalen, was aus Arjen Robben geworden wäre, wenn er kein „Mann aus Glas“ gewesen wäre. Wenn er anstatt 20 vielleicht 32 Saisonspiele hätte absolvieren können. Wenn er von den 20 nicht 5 als Rekonvaleszent zugebracht hätte. In der Saison 2011 genügten ihm 14 Bundesligaeinsätze, um 22 Scorerpunkte zu sammeln.

Der Bundesliga fehlen Spieler wie er. Pressen und schnell sein, das können viele, erst recht im perfekt aufeinander abgestimmten Kollektiv. Mit dem Ball am Fuß ein Tor erzwingen, das können nur die Wenigsten. Die Räume der Bundesliga sind ab heute noch ein wenig enger geworden.

Bildquelle: rayand unter Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0)