Der vermeidbare Abstieg des 1. FC Köln

Abstieg 1. FC Köln

Der sechste Abstieg des 1. FC Köln war der vermeidbarste der Vereinshistorie. Im Vorjahr noch wurden Trainer, Manager und Mannschaft für ihre Leistungen gefeiert. Am Ende der laufenden Saison sind die Europa-Helden entweder entlassen oder entzaubert. Wie konnte es soweit kommen? Eine Analyse.

Sicher ist, dass die Kölner es versäumt haben, einen geeigneten Nachfolger für Torgarant Anthony Modeste zu finden, den es im Sommer für knapp 35 Mio. Ablöse nach China zog. Der von Schmadtke eingekaufte Jhon Cordoba ist ein arbeitender Stürmer, der in einer Doppelspitze gut zur Geltung kommen könnte. Als Alleinunterhalter im Strafraum entpuppte er sich als zu teure Fehlbesetzung: Mit 17 Millionen Ablöse ist der Kolumbianer der Rekordeinkauf des Vereins.

Schmadtke hatte wiederholt darauf hingewiesen, dass Cordoba nicht an Modestes Toren gemessen werden sollte und ohnehin ein anderer Spielertyp sei. Warum die Mannschaft dann  in der Hinrunde weiterhin so spielte, als stünde vorne ein Spieler der Marke Modeste – also hoch und weit – bleibt das Geheimnis von Peter Stöger. Weshalb weder Schmadtke noch Alexander Wehrle angesichts der Ablöse ihr Veto einlegten, ist eine der großen Fragen dieses verhängnisvollen Sommers. Eine mögliche Erklärung lautet, dass man das schwierig gewordene Verhältnis zum Trainer durch ein Nein zu dessen Wunschstürmer nicht zusätzlich belasten wollte. Denn Stöger bekam insgesamt nicht sein gewünschtes Spielermaterial vorgesetzt. Den defensiven 6er Julian Baumgartlinger von Bayer Leverkusen wollte Stöger beispielweise wohl ebenfalls gerne haben, Schmadtke konnte den Transfer jedoch nicht realisieren.

Transferziele wurden vollends versäumt

Pikant daran: Schmadtke präsentierte auch keinen anderen 6er, obwohl für die Position seit Jahren Verstärkung gesucht wird. Wann wenn nicht im Sommer der Modeste-Millionen und der bevorstehenden Dreifachbelastung hätte diese Lücke im Kader aber geschlossen werden sollen? Die schließlich präsentierte Lösung, nämlich Nationalmannschafts-Linksverteidiger Jonas Hector in die Zentrale zu ziehen, war nicht mehr als Augenwischerei. Denn schon in der vergangenen Saison hatte Hector über die Hälfte seiner Einsätze im Mittelfeld bestritten – ohne den Bedarf dort decken zu können.

Auch für die offensiven Außen sollte Verstärkung verpflichtet werden. Die etatmäßigen Stammspieler Leo Bittencourt und Marcel Risse gelten als verletzungsanfällig, letzterer erholte sich im Sommer von einem Kreuzbandriss. Seit Jahren spielte daher regelmäßig Mittelstürmer Simon Zoller auf den Außen – ohne zu überzeugen. Dass Zoller dort nun auch in der laufenden Saison wiederholt zum Einsatz kam, ist ein Armutszeugnis für die Kaderplaner. Mit Tim Handwerker kam ein 19-jähriges Talent, der aber den Kaderplatz vom nach Berlin abgewanderten Marcel Hartel übernahm.

Stattdessen wurden weitere 17 Mio. in die Verteidigung investiert. Da das Team in der Rückrunde 16/17 mehr Gegentore kassierte, als je zuvor in einer Halbserie unter Stöger, war dies grundsätzlich kein falscher Gedanke. Doch erstens war Schmadtke auch für diesen Leistungsabfall zumindest mitverantwortlich, nachdem er Stamm-Innenverteidiger Mergim Mavraj im Winter ohne Not zum HSV ziehen ließ – wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt, als man die drittbeste Defensive der Liga stellte. Zweitens spielte keiner der drei defensiven Neuzugänge J. Horn, Queirós und Meré eine Rolle unter Stöger.

Kaderplaner Jakobs als fehlendes Puzzlestück?

Im Anschluss an den unglücklichen Transfersommer gab es Gerüchte über ein belastetes Verhältnis zwischen Trainer und Manager, die von Schmadtke inzwischen bestätigt wurden. Schon länger aber wurde über ein mögliches Zerwürfnis zwischen Schmadtke und dessen Spezi Jörg Jakobs spekuliert, mit dem er bereits in Aachen und Hannover erfolgreich zusammenarbeitete. Jakobs war 2012 sozusagen die Vorhut des Erfolgsduos, als Schmadtke keinen Weg aus seinem laufenden Vertrag in Hannover fand. Ein Jahr später folgte Schmadtke seinem Vertrauten. Da hatte dieser schon Peter Stöger an den Rhein gelotst und über 40 Transfers verantwortet. Die großen Aufräumarbeiten nach den Chaos-Jahren des FC Köln.

Nach Beginn der Saison 2015/16 wechselte Jakobs in die Nachwuchsabteilung, offiziell um diesen Bereich professioneller aufzustellen. Bis zu diesem Zeitpunkt arbeiteten Schmadtke und Jakobs gemeinsam an der Kaderplanung. Die Verpflichtungen unumstrittener Stammspieler wie Ujah, Heintz, Bittencourt und allen voran Modeste gehen auf das Konto dieser Zusammenarbeit. Seit deren Ende mangelte es an solchen Transfers, die eine Mannschaft weiterbringen. Das kann Pech sein. Oder mit dem Verlust des eigentlichen Architekten des Kölner Aufschwungs zusammenhängen.

Fahrige Vorbereitung

Jedenfalls offenbarte das Team bereits in der Vorbereitung  eine schlechte Verfassung. Spieler sollen im Urlaub gefaulenzt haben. Von sechs Testspielen konnte nur eins gewonnen werden. Eine Stammelf oder auch nur ein Spielsystem kristallisierten sich nicht heraus. Die ersten vier Bundesligaspiele verlor der 1. FC Köln allesamt, Torverhältnis 1:12. Erst dann begann die gefürchtete Dreifachbelastung.

Zeitgleich mit ihr begann auch die Verletzungswelle. Jonas Hector riss sich das Syndesmoseband und verpasste in der Folge 22 Spiele. Eine Woche später nahm eine langwierige Meniskusverletzung Marcel Risse aus dem Spielbetrieb. Somit fehlten für den Rest der Hinrunde zwei der Spieler, die schlicht nicht ausfallen durften: Hector als interne Lösung für die mangelhaft besetzte 6er-Position und Risse als einer der beiden Flügelspieler, für die kein adäquater Ersatz im Kader stand. Ausfälle weiterer Schlüsselspieler folgten.

Ohne die Verletzungsmisere hätte das Team vermutlich nicht die schlechteste Rückrunde aller Zeiten gespielt. Vor allem aber hätte Peter Stöger sich wohl kaum derart lange halten können. Dass der Vorstand sich nach dem 9. Spieltag und mit 2 Punkten gegen Schmadtke und für Stöger entschied (der Vorstand dementierte eine solche Entscheidungssituation, Schmadtke selbst nannte diese jedoch als Hauptgrund für seine Vertragsauflösung), lässt sich nur durch die mildernden Umstände erklären. So aber befand man sich gegen Ende der Hinrunde in einer Situation, in der der Klassenerhalt nur noch durch ein Wunder zu schaffen war.

Den Verantwortlichen fehlte der Glaube an das Wunder

Es ist daher verständlich, dass die Vereinsführung nicht mehr alles auf eine Karte setzen wollte. Die Berufung von U-19 Coach Stefan Ruthenbeck zum Interimstrainer war ebenso naheliegend wie kostengünstig. Als diesem zum Abschluss der Hinrunde der erste Saisonsieg gelang und den FC trotzdem noch 9 Punkte vom Relegationsplatz trennten, war seine Ernennung zum Cheftrainer bis zum Saisonende die logische Folge. Die Verpflichtung des ausgewiesenen Zweitligastürmers Simon Terrode passte ebenfalls ins Bild. Und auch der spielstarke Sechser Vincent Koziello war ein Versprechen für die Zukunft. Mit der Gegenwart, so schien es, hatten die Verantwortlichen bereits abgeschlossen: Im Winter kamen keine Flügelspieler, kein Rechtsverteidiger, nachdem sich Klünter und Olkowski als untauglich erwiesen hatten, und auch kein Feuerwehrmann.

Dann aber geschah das Unvorstellbare: Der FC gewann die ersten beiden Rückrundenspiele. Terrode traf auch in der 1. Bundesliga und weckte Erinnerungen an einen ehemaligen Publikumsliebling. Ruthenbeck schien talentiert und setzte arrivierte aber formschwache Spieler wie Kapitän Matthias Lehmann auf die Tribüne anstatt in die Startelf. Der Rückstand betrug nur noch vier Punkte.

Versäumnisse aus dem Sommer im Winter nicht korrigiert

Doch in der Folge rächte sich die allzu realistische Vorgehensweise der Vereinsführung im Winter, der mittlerweile auch Armin Veh angehörte. Rechts verteidigte nun meist Innenverteidiger Frederik Sörensen, 1,94 m, nicht gerade ein geborener Sprinter. Terrode traf nur noch einmal, beim 2:4 gegen Eintracht Frankfurt. Ruthenbeck wechselte hektisch zwischen Dreier- und Viererkette oder stellte den wieder genesenen Hector im offensiven Mittelfeld auf. Unterm Strich bleibt bei den Anhängern des FC Köln daher das schale Gefühl zurück, dass dieser Abstieg auch nach der desolaten Hinrunde noch vermeidbar gewesen wäre. So wie die desolate Hinrunde vermeidbar gewesen wäre, hätte man sich früher von Peter Stöger getrennt. Oder Ersatz für die zu erwartenden Ausfälle von erstmals unter Dreifachbelastung stehenden Schlüsselspielern verpflichtet. Oder im Sommer kritische Gespräche miteinander geführt. Der Abstieg des 1. FC Köln ist das Resultat einer langen Kette solcher Oders.